Emil
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/ 28. Februar 2020

Eine neue Kampagne möchte über das Down-Syndrom aufklären und generell mehr Verständnis für Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen schaffen. Inklusion ist nämlich in Österreich oft nur ein leeres Schlagwort.


Emil ist 14 Jahre alt. Wie viele Jugendliche weiß er noch nicht so recht, welchen Beruf er einmal ergreifen will. Vielleicht Fitness-Trainer? Oder doch ein Job in der Gastronomie?

In diesem Punkt unterscheidet sich Emil nicht sonderlich von Gleichaltrigen. Jedoch wird er es in der Arbeitswelt viel schwerer haben als andere: Emil hat nämlich das Down-Syndrom. Und wenn sich nichts ändert, werden ihm deshalb viele Türen verschlossen bleiben. 

Seit 2007 ist beispielsweise die Arbeitslosenquote in der Gruppe von Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen um fast 140% gestiegen - und der Trend geht weiter. Diese Prognosen zeigen, dass Emil es einmal schwer haben wird, überhaupt einen Job zu finden.

Zu wenig inklusive Kindergarten- und Schulplätze

Doch nicht nur bei der Arbeitssuche, bereits im Kindergarten und in der Schule werden Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung viele Hürden in den Weg gelegt. Emis Vater Mischa Kirisits kann davon ein Lied singen: “Aber. Mit diesem Wort bist du permanent konfrontiert, wenn du ein Kind mit Behinderung hast. Egal, ob du es im Kindergarten anmelden willst, oder es um die Nachmittagsbetreuung in der Schule geht. Zunächst scheint alles kein Problem zu sein, nur kommt dann immer konsequent dieses 'ABER' und du weißt, dass es schwer werden wird.”

So dürfen Kinder zum Beispiel normalerweise automatisch die Schule besuchen, in die bereits ein älteres Geschwisterkind geht, ABER das gilt eben nicht für ein Mädchen mit einer geistigen Beeinträchtigung. Und auch das Summer City Feriencamp der Stadt Wien verspricht inklusiv zu sein, ABER der Bub mit Down-Syndrom darf nur dann mitkommen, wenn es “gruppendynamisch” passt.

Kein Wenn und Aber - Inklusion muss her

Dieses Wörtchen “Aber” hatte Mischa Kirisits schließlich satt. Gemeinsam mit anderen betroffenen Eltern, darunter der Fotograf Philipp Horak, die Grafikerin Marion Mayr und der Texter Tino Schulter, hat Kiisits die Kampagne “Down-Syndrom. Na und.” ins Leben gerufen. Derzeit sind in ganz Wien eindringliche Porträts von Menschen mit Down-Syndrom in allen Altersgruppen zu sehen, zusätzlich werden die jeweils spezifischen Probleme angesprochen, die sich für die Betroffenen in dem jeweiligen Lebensabschnitt auftun. “Wir sind zwar Eltern von Kindern mit Down-Syndrom, aber die Kampagne soll für alle Menschen mit Beeinträchtigung und Behinderung eine Lanze brechen, denn wir stehen ja alle vor denselben Problemen und verschlossenen Türen. Inklusion funktioniert in unserer Gesellschaft einfach noch nicht,” so Kirisits.

Die Serie startet mit der 7-jährigen Emma-Lou. 

Down-Syndrom

Sie steht am Beginn des Bildungswegs. Tatsächlich ist es schon schwierig, einen Kindergartenplatz für ein Kind mit Behinderung zu finden, bei der Schule tun sich dieselben Hürden auf. Die Ressourcen für inklusive Plätze in Schulen und Kindergärten gibt es nur dann, wenn sich genügend Kinder mit Behinderung oder Beeinträchtigung anmelden. Wer keinen Platz bekommt, für den kommt dann ein so genannter heilpädagogischer Kindergarten oder eine Sonderschule in Frage. Doch das ist nicht das, was sich die Eltern unbedingt für ihr Kind wünschen, so Kirisits: “Denn das ist eben eine Art Abschottung und nicht inklusiv.”

Das nächste Sujet stellt Emil, der eben nun mit der Pflichtschule fertig ist.

Down-Syndrom

Emil konnte zwar in eine gewöhnliche Schule gehen, doch für die Eltern was es jedes Jahr eine Zitterei, ob Emil seinen inklusiven Platz bekommt, erzählt Vater Mischa Kirisits: “In der Volksschule war immer unklar, ob genügend Kinder mit einer Beeinträchtigung in die Schule gehen und ob es damit überhaupt inklusive Plätze gibt.” Zittern mussten die Eltern immer um die Nachmittagsbetreuung. Ab der Sekundarstufe mussten die Eltern überhaupt den Besuch der Nachmittagsbetreuung erkämpfen. Wäre dies nicht möglich gewesen, hätten die Eltern ihre Arbeitsstunden reduzieren müssen - und das wollten sie nicht. Doch irgendwie hat es zumindest im Fall ihres Sohnes immer irgendwie geklappt. Andere Eltern hatten da weniger Glück. Nun ist Emil offiziell mit der Pflichtschule fertig. Doch vor allem für Jugendliche mit Down Syndrom reicht diese Zeit oft nicht aus. Viele von ihnen haben eine Entwicklungsverzögerung. Sie bräuchten oft noch ein paar Jahre länger, um ausreichend Lesen und Schreiben zu können, oder um die Grundrechnungsarten zu verstehen. Für viele von ihnen wäre es besser, überhaupt erst später mit der Schule zu beginnen und dafür länger in einer Bildungseinrichtung bleiben zu können. “Unsere Kinder müssen immer beweisen, dass sie ins System passen, dabei müsste sich das System an sie anpassen,” kritisiert Kirisits.

Eine weitere Hürde stellt dann der Eintritt in die Arbeitswelt dar, in der die 25-jährige Johanna bereits angekommen ist.

Down-Syndrom

Denn für viele Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung kommt höchstens ein inklusiver Lehrplatz, ein geförderter Arbeitsplatz oder die Tätigkeit in einer Tagesstruktur, sprich Behindertenwerkstatt, in Frage. Betriebe sind verpflichtet pro 25 ArbeitnehmerInnen jeweils einen Menschen mit einer so genannten begünstigten Behinderung einzustellen. Dabei muss ein Grad der Behinderung von mindestens 50 Prozent vorliegen. Doch die meisten Firmen blechen viele lieber sogenannte Ausgleichstaxen, als diesem gesellschaftlich wichtigen und sogar gesetzlich verankerten Auftrag nachzukommen. In anderen Ländern wie Italien ist es zum Beispiel völlig normal, dass in jeder H&M-Filiale ein Mensch mit Behinderung arbeitet. In Österreich scheitern derartige Versuche nicht an den Firmenchefs, sondern der Belegschaft, wie eine Umfrage des österreichischen Behindertenverbands ergeben hat. “Und das liegt eben daran, dass viele in ihrem Leben noch nie mit einem Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung in Berührung gekommen sind und dementsprechend Vorbehalte haben. Eben weil die Inklusion nicht gelingt,” meint Kirisits.

Auf einem weiteren Sujet ist der 42-jährige Mike zu sehen.

Down-Syndrom

Mike ist in der Lebensmitte, einem Alter in dem viele Menschen Bilanz ziehen. Und Menschen mit Down-Syndrom müssen eben erkennen, dass sie viel mehr Steine in den Weg gelegt bekamen, als andere. Selbstständiges Wohnen ist für Menschen mit Down-Syndrom oder Behinderung schwierig. Derzeit gibt es nur eine inklusive Wohngemeinschaft in Wien. Vollbetreutes Wohnen für Menschen mit Down-Syndrom ist nur dann möglich, wenn sie einer Arbeit nachgehen, oder in einer Tagesstruktur tätig sind. Denn Wohngemeinschaften werden meist untertags nicht betreut. Da es für viele schwer bis unmöglich ist, einen normalen Job zu finden, kommt oft nur eine Tagesstruktur in Frage. Dort bekommen sie zwar eine Art Taschengeld, jedoch sind sie offiziell Mindestsicherungsempfänger und zahlen nie in eine Pensionskasse ein.

Und kommt ein Mensch mit Down-Syndrom schließlich ins Pensionsalter, so steht er vor weiteren Problemen. Dafür steht das Porträt des 65-jährigen Werners.

Down-Syndrom

Wer in einer Tagesstruktur arbeitet, kann nicht einfach in den Ruhestand gehen. Denn dann muss automatisch die betreute Wohneinrichtung verlassen werden - Richtung Pflegeheim. Das ist nicht nur teurer für den Staat, es ist auch menschlich ziemlich ungerecht: "Stell dir vor, du müsstest dann einfach aus der Wohnung ausziehen, in der du dreißig Jahre oder länger gelebt hast, auch wenn du noch gar kein Pflegefall bist," erklärt Kirisits. Deshalb müsste es mehr inklusive Wohngemeinschaften geben, in denen die Bewohner ihren Ruhestand in vertrauter Umgebung verbringen können.

Werners Porträt steht für einen Menschen, der auf sein Leben zurück blickt und erkennt, dass alle die gleichen Chancen haben sollten.

Alle fünf Porträts der Kampagne zeigen, dass Menschen mit Down-Syndrom ihr Leben lang um die Einbeziehung in die Gesellschaft kämpfen müssen. Denn an vielen Stellen schottet unsere Gesellschaft Menschen wie Emil, Emma-Lou oder Werner noch immer ab, anstatt sie teilnehmen und ein ganz selbstverständliches Mitglied sein zu lassen. Die Initiatoren der Kampagne fordern deshalb ein einklagbares Recht auf Inklusion.

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