Wie soll man über die Klimakrise sprechen, damit es jemand versteht?

Wie soll man über die Klimakrise sprechen, damit jemand zuhört?

Foto: Tobias Rademacher/Unsplash

/ 5. September 2022

Wer kennt es nicht? Dir liegt ein Klima-Thema am Herzen, du möchtest mit deiner besten Freund:in oder deiner Familie darüber reden, aber niemand scheint dir so recht zuzuhören. Bestenfalls schenkt man dir ein mildes Lächeln oder macht besorgte Miene zum traurigen Spiel - ein ernsthaftes, konstruktives Gespräch kommt meistens aber nicht zustande. Was also tun? Wir haben Expert:innen nach Empfehlungen gefragt, wie du am besten über die Klimakrise und die damit verbundenen Herausforderungen sprechen solltest.

Über die Klimakrise zu sprechen, ist nicht einfach. “Wie bei Tod und Krankheit reden wir ungern darüber, denn es löst unangenehme Gefühle in uns aus”, erklärt Lea Dohm, Mitgründerin der “Psychologists for Future”, gegenüber MOMENT. Aber es lohne sich, dranzubleiben. Regelmäßige Gespräche können nicht nur das Problembewusstsein stärken, sondern auch zu mehr öffentlichem Engagement führen, wie eine repräsentative Studie aus dem Jahr 2019 zeigt.

Was am besten wirkt, hängt allerdings vom Thema, der Gesprächssituation, deinem Gegenüber und auch von dir selbst ab. Sei nicht gleich verzweifelt, wenn es nicht wie gewünscht klappt. Damit es beim nächsten Mal besser läuft, haben wir für dich 10 Empfehlungen, die du leicht anwenden kannst.

#1 Nicht jeder Moment ist ein “Übers-Klima-sprechen”-Moment

Die Initiative “Psychologists for Future” rät in ihrem Leitfaden davon ab, Gespräche “unter Zeitdruck, in hektischer Umgebung, bei schlechter Stimmung oder bei einer angespannten Atmosphäre” zu führen.

Besser: Sorge für genügend Zeit und Ruhe. Du solltest ein schwieriges Gespräch nur dann beginnen, “wenn es dir gerade gut geht und es keine Spannungen in der Beziehung zum Gegenüber gibt.”

#2 Stelle Fragen und höre zu

“Versuche dort anzuknüpfen, wo einer Person die Auswirkungen der Klimakrise besonders wichtig sind”, rät Christopher Schrader im Gespräch mit MOMENT.at. Er ist Wissenschaftsjournalist und hat sich in den letzten Jahren auf über 400 Seiten mit Klimakommunikation beschäftigt. Als Beispiel nennt Schrader bestimmte Berufe, die sich durch die zunehmende Erderhitzung verändern: “Ein Jäger etwa, der nicht so weiterjagen kann, wenn der Wald kaputtgeht.” Oder eine stolze Großmutter, der die Zukunft ihrer Enkel wichtig ist.

Was einer Person wichtig ist, kannst du mit offenen W-Fragen herausfinden: Wer? Wie? Was? Wo? Warum? etc. Die Antworten verraten dir auch, wie sehr die Dringlichkeit zu handeln bereits bewusst ist. Frage zudem, was dein Gegenüber von der Zukunft erwartet. “Viele erwarten, dass sie auf so einiges verzichten müssen”, sagt Schrader. Diese Annahme kannst du später entkräften, etwa durch sogenannte Co-Benefits (siehe Empfehlung #8).

Belehren, beschuldigen und predigen solltest du aber auf keinen Fall, so Schrader. Einfache Ja/Nein-Fragen und Suggestivfragen, die eine bestimmte Antwort beabsichtigen, solltest du ebenso vermeiden, da sonst kein richtiges Gespräch zustande kommt. Frage nicht suggestiv: “Findest du nicht auch, dass die Klimakrise das drängendste Thema unserer Zeit ist?” Sondern besser: “Was denkst du über die Klimakrise? Wie fühlst du dich, wenn du an die Zukunft denkst?”

#3 Die menschengemachte Klimakrise ist nicht die Schuld einzelner Menschen

Sei vorsichtig mit Schuldzuschreibungen, wenn du über die menschengemachten Klimakrise sprichst. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung besitzt die Hälfte des weltweiten Vermögens und lebt dadurch viel klimaschädlicher als andere. Zudem sind 100 Konzerne für 70 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Das Schnitzel auf dem Teller deines Gegenübers wird das Klima also genauso wenig zerstören wie die vegane Alternative es retten wird. Es geht nicht darum, Schnitzel und Autos abzuschaffen. Stattdessen braucht es grundlegende Veränderungen in unserer Art zu leben und zu wirtschaften (siehe Empfehlung #6). „Klimapolitik kann nur funktionieren, wenn sie soziale Unterschiede verringert, statt sie zu vergrößern“, sagt Christopher Schrader.

#4 Sprich über Lösungen statt über Probleme

“It’s real, it’s us, it’s bad, scientists agree, there’s hope.” (Übersetzt etwa: “Es ist echt, wir verursachen es, es ist schlimm, die Forschung ist sich einig, es gibt Hoffnung”)  Mit diesen zehn Wörtern kannst du gut zeigen, dass sich die Klimaforschung über das Problem in Vielem einig ist. (Details zu den einzelnen Punkten, die auch den britischen Noch-Premierminister Boris Johnson überzeugt haben, haben wir in diesem Artikel zusammengefasst.)

Bringe Lösungen ins Gespräch. “Menschen mit Problemen aufzurütteln, funktioniert praktisch nie”, so Schrader. Selbst wenn uns die Dringlichkeit der Klimakrise bewusst sei, bedeute das nicht, dass wir auch entsprechend handeln werden, wenn wir keine guten Lösungsansätze kennen oder vermittelt bekommen. Immer mehr Fakten aufzuzählen, nütze dann auch nichts. Informations-Defizit-Hypothese nennt das die Psychologie. Trotzdem wird in den Nachrichten zur Klimakrise fast ausschließlich über Probleme gesprochen.

Du könntest stattdessen sagen: „Ja, die Klimakrise ist ein großes Problem, aber wir können sie durch den raschen Ausbau erneuerbarer Energien besser in den Griff bekommen.“

#5 Nähe statt Distanz

„Wenn etwas weit entfernt wirkt, denken wir eher, dass wir ohnehin nichts dagegen tun können oder müssen“, warnt Christopher Schrader. Beispiele und Fakten verlieren dann an Wichtigkeit. Besser sei es, Nähe ins Gespräch zu bringen. Lea Dohm empfiehlt hier, sich auf eine bestimmte Region zu konzentrieren, die für dein Gegenüber wichtig ist. „Ich wohne in Niedersachsen, da ist der Harz ein großes Thema“, so die Klimapsychologin.

Außerdem solltest du lieber über nahestehende Menschen statt über bedrohte Tiere wie den Eisbären sprechen. Du kannst auch von deinen eigenen Erfahrungen erzählen. „Dann fällt es uns leichter, Mitgefühl zu entwickeln“, sagt Dohm. Es sei zudem ratsam, auch über die Gegenwart oder höchstens die nahe Zukunft zu sprechen. „Was ich heute Abend koche, ist vielen im Moment wichtiger als Klimaprognosen für 2050 und darüber hinaus.“

Bei all der erforderlichen Nähe sollten wir aber nicht vergessen, dass die Menschen im weit entfernten globalen Süden am wenigsten für die Klimakrise verantwortlich sind, gleichzeitig die Folgen aber am stärksten zu spüren bekommen. Wir haben Anfang des Jahres mit Betroffenen aus Kenia, Uganda, Pakistan, Tuvalu und Australien gesprochen. Ihre Geschichten sind uns sehr nahe gegangen.

#6 Konzentriere dich auf die größten Hebel

Wie wirksam sind welche Maßnahmen gegen die Klimakrise?

Wie wirksam sind welche Maßnahmen gegen die Klimakrise?

Bild: Thomas Brudermann, Lizenz: CC-BY-ND

Wenn du über Lösungen sprichst, sollten diese auch effektiv sein.

Hier ist noch viel Aufklärung nötig: 22 Prozent der Deutschen glauben in einer Befragung, dass der Verzicht auf Plastiksackerl das Wirksamste sei, das sie als Einzelperson fürs Klima tun können. Alle anderen Antwortmöglichkeiten einer repräsentativen Studie würden in Wahrheit aber weit mehr CO2-Emissionen einsparen. Eine Flugreise pro Jahr weniger ist beispielsweise über 200-mal wirksamer. Trotzdem reden wir viel zu oft übers Kleinteilige.

Fürs nächste Mal weißt du jetzt: Besser über Zugreisen und pflanzliche Ernährung sprechen als über ein Plastiksackerlverbot. Mehr dazu erfährst du aus der obenstehenden Grafik.

#7 Finde eine Balance zwischen Fakten und Emotionen

„Wenn wir in Alltagsgesprächen mit zu vielen Fakten herumwerfen, steigen die Menschen schnell aus“, warnt Lea Dohm. Zu emotional solltest du aber auch nicht werden. „Das wirkt oft nur kurz und irritiert eher.“ Deshalb ist es wichtig, dass du die Balance findest. Wo diese liegt, hängt von der Gesprächssituation ab. Im Arbeitsmodus solltest du z.B. eher auf Fakten setzen, auf einer Party können Emotionen erfolgversprechender sein.

Wir müssen ohnehin lernen, besser mit unseren Emotionen umzugehen. „Innehalten und zu reflektieren, widerspricht dem Leistungsgedanken. Deshalb sind die Emotionen immer mehr in den Hintergrund gerückt“, sagt Dohm. Das sei unter anderem dem kapitalistischen Wirtschaftssystem geschuldet, in dem vor allem höher, schneller und weiter zähle.

#8 Betone, warum etwas nicht nur fürs Klima gut ist

Auch in unseren sozialen Normen ist der Leistungsgedanke stark verankert. Von diesen Normen werden wir „krass gesteuert“, wie Lea Dohm betont. Zudem haben wir von der Informations-Defizit-Hypothese gelernt, dass Wissen alleine nicht ins Handeln führt. Christopher Schrader rät deshalb dazu, in „Kategorien des Lebens“ zu sprechen.

Dafür ist wichtig, dass du Empfehlung #2 befolgt hast und nun weißt, was für dein Gegenüber bedeutsam ist. Das kann beispielsweise die Gesundheit sein: Mit dem Rad statt mit dem Auto zu fahren ist nicht nur klimafreundlicher, sondern auch gesünder und günstiger. Diesen Zusatznutzen (Englisch: Co-Benefits) solltest du auf jeden Fall betonen. Andere Beispiele: pflanzenbasierte Ernährung, durch auch das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen sinkt. Photovoltaik-Anlagen, die am eigenen Dach für günstigeren Strom sorgen können. Oder eine Arbeitszeitverkürzung, die mehr Freizeit bringt und zudem Energie sparen könnte.

#9 Lass deinen Worten auch Taten folgen

Sei ein Vorbild. Du kannst deinem Gegenüber nicht nur zeigen, dass ein klimafreundlicherer Lebensstil möglich ist, sondern auch, wie das gehen könnte. „Was wir tun, hat einen großen Einfluss“, sagt Lea Dohm. Allerdings würden sich Erfolge erst mit der Zeit einstellen. „Die Veränderung im Gegenüber entsteht in den seltensten Fällen in nur einem Gespräch.“

Du solltest dabei aber vorsichtig bleiben. „Verlange nichts, was das Gegenüber nicht leisten kann“, warnt Christopher Schrader. Sonst könnte der Schuss nach hinten losgehen.

#10 Einfach auch einmal nichts sagen

Du weißt jetzt bereits, dass nicht jeder Moment für ein Klimagespräch geeignet ist. Das gilt auch für Personen. „Verbringe nicht zu viel Zeit mit Menschen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen“, empfiehlt Lea Dohm. Eine Ausnahme seien nahestehende Bekannte, zu denen eine enge Bindung und ein Grundvertrauen besteht. Dafür sei es wichtig, einen klaren Rahmen zu schaffen, in dem es noch eine gemeinsame Basis für ein Gespräch gibt. Wird dieser Rahmen überschritten, solltest du das Gespräch eher abbrechen.

„Hardcore-Leugner gibt es aber kaum noch“, beruhigt Schrader. Er empfiehlt im Gespräch mit Klimawandelleugner und -Verharmloser nicht unhöflich zu werden, nicht auf jeden Mist einzusteigen, klar zu bleiben, und nicht deren Framing zu übernehmen. Besser: „Argumente nicht zurückweisen, sondern aktiv mit eigenen Worten das Richtige sagen.“ Oder einfach auch einmal gar nichts sagen.

Wo du dich über Klimakommunikation informieren kannst:

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