Menschen in Belutschistan fliehen auf einem Boot vor den Fluten.

Feuerstürme, Jahrhunderthochwasser, Wassermangel und Hitzewellen: Menschen aus Ländern des Globalen Süden sind schon heute viel stärker von der Klimakrise betroffen, gleichzeitig aber viel weniger dafür verantwortlich.

Foto: Yusuf Baloch (privat)

/ 25. März 2022

Hitzewellen, Fluten, Trockenheit: Die Klimakrise ist in Österreich und Europa immer deutlicher zu spüren. Anderswo sind die Auswirkungen aber viel dramatischer und die Möglichkeiten, die Krise zu bekämpfen, geringer. Allein schon, weil die Menschen aus den Ländern des Globalen Süden das Problem viel weniger verursachen. Sie leiden aber schon heute unter apokalyptischen Katastrophen wie Feuerstürmen, Jahrhundertfluten, Dürren und verseuchten Seen. MOMENT hat mit sieben Betroffenen aus Kenia, Uganda, Pakistan, Tuvalu und Australien gesprochen.

Canberra, Australien: Feuerstürme und Überflutungen

“Ich habe in meinem Leben noch nie so etwas Dunkles gesehen. Es war wie das Ende der Welt.” Matt Dutkiewicz ist seit über 30 Jahren bei der freiwilligen Feuerwehr. Eine Zeit lang war er Hauptmann seiner Brigade, die etwas außerhalb von Australiens Hauptstadt Canberra stationiert ist. Bei den Buschbränden 2003 verlor Matt sein Haus und sein Auto. Aber es sind vielmehr die Feuer der letzten Jahre, die ihm große Angst machen.

In der Feuersaison 2019/2020 starben in Australien fast 500 Menschen. Mehr als 6.000 Häuser wurden zerstört und schätzungsweise anderthalb Milliarden Tiere getötet. Eine Fläche halb so groß wie Deutschland brannte ab. Teilweise schlugen die Flammen so hoch, dass sie kaum einzudämmen waren.

Was für die Feuerwehr sonst funktionierte, war diesmal wirkungslos. “Wir konnten ab 15 Uhr nichts mehr tun. Jeden Tag kamen diese Feuerwolken”, erzählt Matt. Die Flammen reichen dann bis in die Baumkronen. Sie erzeugen ihr eigenes Wetter- und Sturmsystem. Wie ein Gewitter sei das. Aber schlimmer. Aus dem Rauch wird ein Feuersturm. Staubpartikel reiben aneinander und erzeugen Blitz und Donner. Die Partikel explodieren. Manchmal wird dann auch ein Tornado ausgelöst. Der Sturm wirbelt die Flammen durcheinander. Dann können sich die Brände in alle Richtungen ausbreiten. Das Brandverhalten vorherzusagen, wird unmöglich. Den Brand zu löschen, auch. Es dauerte 240 Tage, bis in New South Wales endlich “Brand aus” gemeldet werden konnte.

Früher habe es Feuerstürme wie in der Saison 2019/2020 nur einmal im Leben gegeben, sagt Matt. Dann mehrere Monate lang jeden Tag. Etwa zwei Jahre später erlebt Australien schon die zweite “Jahrtausend-Naturkatastrophe”: erst waren es Flammen, jetzt die Fluten. Dutzende Menschen sind darin bereits ums Leben gekommen, 40.000 mussten ihre Häuser verlassen und auch nach Wochen hört der Regen an der Ostküste Australiens nicht auf.

Matt weiß: Das sind die Auswirkungen der Klimakrise. Sie sind keine Theorie mehr. Sie sind da. 

Südkenia: Dürre und Trockenheit

Als wohlhabendes Land kommt Australien aber noch vergleichsweise gut davon. Anders ist es in Kenia. Dort machen Dürre und Trockenheit den Menschen zu schaffen. “Der Regen hätte schon vor drei Wochen kommen sollen”, erklärt die Meteorologin Mana Omar. “Die Regenzeit hat sich verschoben.” Mana gehört zum Indigenen Volk der Massai, einer Hirtengemeinschaft in der Steppe Südkenias. Die Massai sind auf die Viehwirtschaft angewiesen. Erzählungen zufolge versprach der Regengott Ngai den Massai alle Rinder auf der Erde. Ohne Regen sterben die Tiere. Viele Massai glauben, das sei der Wille Gottes. “Sie wissen nicht, was der Klimawandel ist”, sagt Mana. Sie versucht aufzuklären.

Die Situation ist in den letzten Jahren schlimmer geworden. Das Wasser des nahegelegenen Magadisees verdunstet immer schneller und die Flüsse führen weniger Wasser als noch vor zehn Jahren. “Ohne Wasser können die Kinder nicht zur Schule gehen. Es ist unerträglich, was mit unserem Volk passiert”, sagt Mana. Wenn sie von der Situation im Süden Kenias erzählt, sind Traurigkeit und Verzweiflung spürbar. Und es fällt ein Wort, das auch andere Gesprächspartner:innen verwenden: Klimaangst.

Angst vor der Klimakrise zu haben ist angesichts der Studienlage gut nachvollziehbar. Vielen geht es so. Ein Blick in den neuesten Bericht des Weltklimarats IPCC reicht als Erklärung. Die Politik tut weltweit wenig, um diese Angst zu mindern - offenbar auch in Kenia. “Manchmal werden Lebensmittel verteilt”, sagt Mana. Viel mehr aber nicht. Trotzdem gibt sie sich kämpferisch: “Ich werde nicht aufgeben, bis das Ende da ist. Was auch immer das Ende ist.”

Kenia wartet seit mehreren Wochen auf den Beginn der Regensaison. Wegen der Klimakrise habe sich diese verschoben, erklärt die Meteorologin Mana Omar.

Foto: Mana Omar (privat)

Victoriasee, Kenia: Heuschrecken und die "grüne Pest"

Auch die 16-jährige Rahmina Paulette spricht von Klimaangst. Wie Mana gehört sie zur Indigenen Bevölkerung Kenias und lebt in der Stadt Kisumu. Die drittgrößte Stadt Kenias liegt im Westen, am Rande des Victoriasees. Rahmina engagiert sich bei Fridays for Future MAPA. Die Organisation bietet jenen eine Plattform, die am stärksten von Klimakrise betroffen sind. “Afrika stößt nur drei Prozent der weltweiten Treibhausgase aus. Trotzdem leiden wir am meisten darunter”, sagt Rahmina. “Es ist deprimierend, frustrierend und ekelhaft.”

Ekelhaft ist auch, was am Victoriasee passiert. Der größte Süßwassersee Afrikas ist eine wichtige Einnahmequelle für die angrenzenden Länder Kenia, Uganda und Tansania. Es wird viel gefischt. Tourist:innen und Waren werden herum geschifft. Seit vielen Jahren kämpft man aber gegen eine Wasserhyazinthen-Plage. Diese finden im durch die Erderhitzung wärmer werdenden Wasser immer bessere Bedingungen. Die wuchernden Pflanzen verwandeln das Wasser in eine schleimige, grüne Suppe. Fische bekommen zu wenig Sauerstoff, Boote kommen durch die “grüne Pest” nicht mehr durch. “Die Zahl der Fische ist um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. Früher gab es zehntausende Arten. Heute sind es vielleicht noch ein paar Hundert”, sagt Rahmina. Wegen der sonstigen Umweltverschmutzung könne man auch nicht mehr im See baden.

Deshalb gründete sie die Kampagne “Let Lake Victoria Breathe Again” (deutsch: “Lasst den Victoriasee wieder atmen”), die über den Zustand des Sees aufklärt und sich über den Verkauf von Produkten aus Wasserhyazinthen finanziert.

Die Klimakrise führt zudem zu häufigeren und intensiveren Starkregenfällen, in Folge derer es mehrmals im Jahr zu Überflutungen kommt. Mehr als 30 Millionen Menschen leben am Ufer des Sees. Viele müssen dann ihre Häuser verlassen. Und wenn das Wasser zurückgeht, sind die Heuschrecken da. Hunderte von Millionen fressen sich durch die Ernte, bis nur mehr wenig von dem übrigbleibt, was ohnehin schon knapp ist.

Uganda: Hungersnot, kaum Wasser und ein sterbender Wald

“Ich bin jetzt über 40 Jahre alt. So hohe Temperaturen habe ich noch nie erlebt.” Mustafa Gerima war früher Biologielehrer. Mittlerweile widmet er seine ganze Zeit dem Klima- und Umweltschutz. Ein Blick auf sein Twitter-Profil verrät, wie die Klimakrise Uganda trifft: Es regnet kaum mehr, die Böden werden immer trockener, die Ernte mager und die nächste Wasserstelle ist sechs Stunden Fußweg entfernt. Dem Land droht zudem eine Hungersnot. 

Wenn es doch einmal regnet, dann meist viel zu viel. Das setzt den Sheanuss-Bäumen zu. Viele Menschen verwenden das aus den Früchten gewonnene Öl zum Kochen, als Seife oder für die Hautpflege. Zudem seien die Bäume ein kulturelles Erbe und ein “heiliger Ort”, wie Mustafa erklärt. Aber auch durch illegale Abholzung sind sie massiv unter Druck geraten. Uganda hat seit 1990 über 60 Prozent seiner Waldflächen verloren. “Die Bäume werden abgeholzt und als klimaschädliche Holzkohle verbrannt”, sagt Mustafa. Es fehle den Menschen an leistbaren Alternativen fürs Kochen und Heizen.

Mustafa Gerima (Bildmitte) ist zweimal hunderte Kilometer durch Uganda gewandert, um auf die Bedeutung der Sheanussbäume aufmerksam zu machen.

Foto: Mustafa Gerima (privat)

Um auf das Problem aufmerksam zu machen, begann Mustafa ihm sein Leben zu widmen. Er kündigte 2016 als Lehrer und wandert aus Protest enorme Strecken. Beim ersten Mal aus Ugandas Hauptstadt Kampala in die 475 Kilometer entfernte Kleinstadt Arua. “Ich vergleiche die Härte der Wanderung mit der Härte des Verlusts dieses wertvollen Baumes”, sagt er. Im vergangenen Jahr machte sich Mustafa erneut auf den Weg. Er wanderte binnen 19 Tagen 664 Kilometer in die kenianische Hauptstadt Nairobi, Sitz der höchsten Umweltbehörde der Welt. Dort fand er erstaunlich viel Zuspruch für sein Vorhaben. Gemeinsam mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) werden nun acht Millionen Setzlinge von Sheanuss-Bäumen gepflanzt.

Mombasa, Kenia: unerträglich heiß

“Manchmal ist es nachts unerträglich. Man kann dann nicht mehr schlafen.” Mombasa ist die zweitgrößte Stadt Kenias. Sie liegt am Indischen Ozean. Über eine Million Menschen leben hier, Tendenz steigend. Eine von ihnen ist die 23-jährige Studentin Dorcas Wakio. Bereits ab sieben Uhr morgens könne man kaum mehr das Haus verlassen, erzählt sie. Drinnen sei es nicht viel besser.

In Mombasa hat es im Jahresmittel über 30 Grad Celsius, mit Spitzenwerten bis an die 50 Grad. Auch in der Nacht fallen die Temperaturen selten unter 20 Grad. Was anderswo auf der Welt mit Klimageräten ausgeglichen wird, ist hier keine Option. Es fehle das Geld, um die Häuser kühl zu halten. Die Hitze wird vor allem in den Ländern des Globalen Südens durch die Klimakrise immer tödlicher: “Ich lebe an einem Ort, an dem Menschen und Tiere sterben, an dem es keine Nahrungsmittel gibt”, sagt Dorcas. “Manchmal ist es so traurig.”

Dorcas Wakio (links) will um so viele Schulen wie möglich Bäume pflanzen. Damit die Kinder wenigstens in fünf bis zehn Jahren Schatten haben, wie sie sagt.

Foto: Dorcas Wakio (privat)

Mittlerweile akzeptiere sie, hier geboren zu sein. Sie gründete mehrere Initiativen, befreit Tiere und Strände vom Plastikmüll und unterrichtet Kinder über die Klimakrise. Je heißer es wird, desto seltener können diese die Schulen besuchen, sagt Dorcas. Deshalb hilft sie, Bäume um die Schulen zu pflanzen. “Damit die Kinder wenigstens in fünf bis zehn Jahren Schatten haben.”

Tuvalu: Land unter

“Wir haben bereits zwei Inseln an das Meer verloren”, sagt Bernhard Kato. Und es werden mehr werden. Bernhard ist 25 Jahre alt und lebt in Funafuti, der Hauptstadt von Tuvalu. Auf der Insel leben 11.000 Menschen. Sie liegt im Südpazifik zwischen Hawaii und Australien. Kein Punkt ist höher als 4,5 Meter über dem Meeresspiegel. Dieser steigt. “Mittlerweile ist unser Land jeden Tag überflutet”, erzählt Bernhard. “Das Wasser kommt vor allem von unten, aus den Kanälen.”

Zwei- bis dreimal im Jahr kommen auch Zyklone. Die Sturmfluten reißen dann alles mit, was sich ihnen in den Weg stellt. “Ich erinnere mich an den Zyklon Pam im Jahr 2015. Dieser hat viele Gräber ausgegraben. Die Knochen unserer Vorfahren sind überall herumgeschwommen”, sagt Bernhard. Alles sei verseucht gewesen. Die Ernte habe man wegwerfen müssen, das gesammelte Regenwasser konnte nicht getrunken werden. Tuvalu hat keine Flüsse oder Bäche. Die Menschen sind auf den Regen angewiesen. Ein Monat ohne Niederschlag ist bereits katastrophal. Oft duschen die Menschen nicht, damit zumindest die Kinder genügend Wasser haben. Die Insel könnte bald verschwinden.

2015 hat der Zyklon Pam Gräber eines Friedhofs ausgehoben. Die Knochen waren über ganz Tuvalu verstreut.

Foto: Bernhard Ewekia (privat)

Belutschistan, Pakistan: besetzt, überflutet und ausgebeutet

Will man den Ursachen der Klimakrise auf den Grund gehen, lohnt sich auch ein Blick auf die politisch umkämpfte Region Belutschistan. Sie liegt in Pakistan, dem Iran und Afghanistan. Beim Hochwasser von 2010 starben hier über 1.700 Menschen und zwei Millionen Häuser wurden zerstört. 

In einem davon lebte Yusuf Baloch. “Mitten in der Nacht musste ich mein Zuhause verlassen. Ich war sechs Jahre alt, wusste damals nichts von der Klimakrise”, erzählt er. Mittlerweile lebt Yusuf als 18-jähriger in London. In seiner Heimat sieht er keine Perspektive mehr. Nicht nur wegen der Hochwasser, Dürren und Hitzesommer. 

“Wir werden von drei Ländern ausgebeutet und die Regierung unterdrückt die Menschen”, sagt Yusuf. Aktivismus werde nicht geduldet. Nicht selten verschwinden Menschen einfach. Egal, ob sie für das Klima oder die Unabhängigkeit Belutschistans demonstrieren. Die Region ist reich an Bodenschätzen wie Gold und Kupfer. Lizenzen für den Abbau sind begehrt und umkämpft. Zudem werden viele Wälder abgeholzt und Kohlekraftwerke gebaut - allesamt große Treiber der Klimakrise. “Die eigentliche Ursache der Klimakrise sind Ausbeutung und Kolonialismus”, sagt Yusuf. Länder des Globalen Nordens sind nämlich für mehr als zwei Drittel der historischen Emissionen verantwortlich. Dazu haben sie den Globalen Süden mit Gewalt ausgebeutet, der nun besonders darunter leidet.

Klimagerechtigkeit: Was wir jetzt tun müssen

“Klimagerechtigkeit bedeutet nicht nur, Emissionen zu reduzieren und Bäume zu pflanzen”, sagt Yusuf deshalb. Es gehe um viel mehr: die Anerkennung der Rechte Indigener Völker, ein Ende der Ressourcenausbeutung, Anti-Kolonialismus und Anti-Imperialismus.

Die 16-jährige Rahmina Paulette hält im Kampf gegen die Klimakrise besonders Graswurzelbewegungen für wichtig. Diese würden ohne Bürokratie oft viel mehr erreichen als große Organisationen. Geld müsse an den richtigen Stellen ausgegeben werden, und die Menschen müssten direkt in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden, schlägt auch Dorcas Wakio vor. Man müsse den Betroffenen zuhören, eine echte Vertretung geben - und endlich den massiven Treibhausgas-Ausstoß beenden.

Voraussetzung dafür ist, dass die Menschen die Tragweite der Klimakrise verstehen. Mana Omar hat deshalb begonnen, Klimageschichten zu sammeln. “Wir wollen die oft ungehörten Geschichten der dort lebenden Gemeinschaften erzählen”, sagt die Meteorologin. 

In diesen Geschichten stecken vielleicht auch Lösungen. Mustafa Gerima meint etwa, die Indigene Bevölkerung Kenias wisse sehr viel darüber, wie Landwirtschaft in trockenen Regionen nachhaltig funktionieren könne. Und darum geht es neben dem Kampf ums Überleben eben immer auch. “Wir müssen einen Planeten hinterlassen, der für alle bewohnbar ist”, sagt er.

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