Kassiererin in Supermarkt: Frauen arbeiten häufiger Teilzeit in schlechter bezahlten Jobs

Kassiererin in Supermarkt: Frauen arbeiten häufiger Teilzeit in schlechter bezahlten Jobs, zulasten ihres Einkommens. // Foto: Noel Hendrickson / Corbis

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/ 29. Juli 2021

Fast die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen arbeiten Teilzeit, von den Männern nur jeder zehnte. Dieser Teilzeit-Gap wird seit Jahren größer. Kürzer zu arbeiten ist zwar oft ein Wunsch von Beschäftigten. Viele Frauen arbeiten nicht freiwillig weniger als Männer, sondern weil es nicht anders geht. Und das spüren sie schmerzlich bei Einkommen und Pensionen.


Österreich, ein Jobwunderland – zumindest was Teilzeitstellen angeht. Seit 1994 stieg die Zahl der Erwerbstätigen, die nicht Vollzeit arbeiten um mehr als 700.000. Als in Teilzeit beschäftigt gelten Arbeitnehmer:innen, die weniger als die gesetzlich vorgesehenen 40 Stunden pro Woche oder die im jeweiligen Kollektivvertrag festgelegte Normalarbeitszeit tätig sind. Dagegen sank die Zahl der in Vollzeit Erwerbstätigen in den vergangenen mehr als 25 Jahren um insgesamt rund 60.000.

Ein Blick auf die Zahlen verrät auch: Die vielen neuen Teilzeitbeschäftigten sind überwiegend weiblich. Knapp 550.000 mehr Frauen als 1994 arbeiten heute in Teilzeit. Gleichzeitig sank die Zahl der Frauen, die Vollzeit arbeiten, um mehr als 100.000.

Fast die Hälfte der Frauen arbeiten Teilzeit, von den Männern nur jeder zehnte

Die Zahl der insgesamt erwerbstätigen Frauen stieg also von 1,6 Millionen auf über 2 Millionen – von denen aber fast die Hälfte in Teilzeit arbeitet. Bei den Männern beträgt dieser Anteil dagegen nur knapp 11 Prozent.

Dieser „Teilzeit-Gap“ ist seit 1994 immer größer geworden: Lag die weibliche Teilzeitquote damals „nur“ 22 Prozentpunkte über der bei den Männern, sind es jetzt 37 Prozentpunkte. Das zeigt eine Analyse des Momentum Instituts anhand von Zahlen der Statistik Austria.

Ist das ein Problem? Nicht generell. Ob Männer oder Frauen: Viele Beschäftigte wünschen sich, weniger zu arbeiten und dadurch mehr Zeit zu haben für Familie und Freizeit. Studien zeigen: Kürzer zu arbeiten ist gesünder und erhöht die Produktivität. Immer mehr Unternehmen ermöglichen ihren Mitarbeiter:innen daher flexiblere und kürzere Arbeitszeiten.

Aber: Kürzer zu arbeiten heißt fast immer auch weniger zu verdienen und später weniger Pension zu erhalten. Denn die meisten Unternehmen geben zusätzliche Gewinne durch höhere Produktivität wegen kürzerer Arbeitszeit eben nicht an die Mitarbeiter:innen weiter. Vollen Lohnausgleich gibt es nur selten. Ob freiwillig oder nicht: Wer kürzer arbeitet, dem wird auch das Gehalt gekürzt.

Teilzeit-Gap zementiert geringere Einkommen von Frauen

Der Teilzeit-Gap zwischen Männern und Frauen verstärkt damit zwangsläufig die Unterschiede im Einkommen, also den Gender Pay Gap. Und der führt später zum Gender Pension Gap, also niedrigerer Pensionen für Frauen und damit einem höheren Risiko in Altersarmut zu fallen.

Der massive Unterschied in der Quote der teilzeitbeschäftigten Frauen und der Männer, hat auch strukturelle Gründe. Nicht jede Frau arbeitet freiwillig Teilzeit. Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die kaum mehr Vollzeitstellen anbieten. Beispiel: Die Jobbörse des Handelsriesen Rewe in Österreich.

Vollzeitstellen im Handel? Heute nicht erhältlich, nur Teilzeit

Dessen Drogeriekette BIPA bietet aktuell für die Arbeit im Verkauf 131 Jobs in Teilzeit an. Vollzeitarbeitsplätze gibt es nur 2, und das sind befristete Springerstellen. Beim Lebensmittelhändler Billa stehen österreichweit 322 angebotener Vollzeitstellen im Verkauf ganze 1.261 Teilzeitstellen gegenüber. Der Discounter Penny bietet 220 Jobs mit Teilzeit und österreichweit eine einzige Vollzeitstelle im Verkauf an.

Im Lebensmittelhandel sind 7 von 10 Stellen mit Frauen besetzt. Und die werden auch in Vollzeit schon schlecht bezahlt: Ganze 1.700 Euro brutto Gehalt bietet Penny in seinen Stellenanzeigen an – und schreibt erst gar nicht hin, wie wenig das wird, wenn Bewerberinnen nur für 30 oder 20 Stunden in der Woche angestellt werden. Letztere können nur mit 883 Euro brutto im Monat rechnen. Ein Gehalt, von dem wohl nur die wenigsten leben können.

Fehlende Betreuung für Kinder heißt oft: Mütter stecken zurück

Dazu kommt: Weil vor allem in ländlichen Regionen die Möglichkeiten unzureichend bis nicht vorhanden sind, Kinder ganztägig betreuen zu lassen, muss ein Elternteil häufig seine Arbeitszeit reduzieren. In vielen Fällen ist das die Frau. Für alleinerziehende Mütter ist es noch schwieriger Kinder und einen Vollzeitjob unter einen Hut zu bekommen.

Laut Ökonomin Katharina Mader arbeiten von den Frauen zwischen 25 und 49 Jahren, die keine Kinder haben, lediglich 25 Prozent in Teilzeit. Bei den Müttern seien es dagegen 74 Prozent, sagte sie im Standard.

Eine Zeitverwendungsstudie, die Mader mit anderen Forscherinnen von der Wirtschaftsuniversität Wien und der Arbeiterkammer während des strikten Corona-Lockdowns im vergangenen Jahr erarbeitet hat, kam zu dem Ergebnis: Zusätzlich anfallende unbezahlte Arbeit im Haushalt und bei der Betreuung von Kindern erledigen vor allem Frauen, und stecken dafür im Job zurück.

Erziehungsarbeit und Pflege? Dann wird es schwierig mit dem Job    

Auch wer Angehörige pflegt, muss beruflich oft kürzer treten. In vielen Fällen sind es Frauen, die hier besonders gefordert werden. Das zeigte eine Kurzstudie des Momentum Instituts. Besonders für Mütter in der mittleren Altersgruppe wird es dann schwierig mit dem Job.

Für die Niederösterreicherin Branka Glisic wurde genau das zur Herausfordeurng, sagte sie im vergangenen Jahr zu MOMENT. Ihr nicht ganz freiwilliger Ausweg: „Wegen dem Papa und der Kinder bin ich dann in Teilzeit gegangen.“

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