Corona-Impfung: Die reichen Staaten behindern mit ihrem Festhalten an Patenten die schnellere und günstigere Herstellung, die ärmere Länder fordern

Corona-Impfung: Die reichen Staaten behindern mit ihrem Festhalten an Patenten die schnellere und günstigere Herstellung, die ärmere Länder fordern

Foto: Hakan Nural/Unsplash

/ 19. Oktober 2021

Weltweit drohen hunderte Millionen Corona-Impfstoffe unbrauchbar zu werden, während große Teile der Welt nicht geimpft werden können. Wie ist die Situation in Österreich?

Wie viele Corona-Impfstoffe drohen zu verfallen?

Weltweit sprechen aktuelle Prognosen von 100 Millionen Dosen von Corona-Impfungen, die akut von einem Verfall gefährdet sind. Sie lagern vor allem in reichen Industrieländern, wo die Impfkampagnen aber bereits den Großteil der impfbereiten Menschen erreicht haben und Booster-Shots erst anlaufen. 40% der gefährdeten Dosen liegen in der EU.

In ärmeren Ländern sind unterdessen immer noch sehr wenige Impfstoffe angekommen. Während knapp 48% der Weltbevölkerung zumindest einmal gegen Corona geimpft wurden, trifft das in den Niedriglohnländern nur auf weniger als 3% der Bevölkerung zu (Stand: 19.10.2021, tagesaktuelle Daten gibt es immer hier). Viele Menschen dort müssen unfreiwillig ohne ihren Schutz auskommen.

Das ist einerseits offensichtlich ungerecht. Dass eine gute Gesundheitsversorgung eine finanzielle Frage ist, würden in Österreich die meisten Menschen zurecht nicht akzeptieren. Weltweit betrachtet passiert das aber.

Der Missstand bedeutet aber auch, dass das Corona-Virus sich in großen Teilen der Welt immer noch stärker verbreiten und weiter mutieren kann. Die Befürchtung ist, dass eine neue Variante die Pandemie verlängern und eventuell auch in Industrieländern noch einmal außer Kontrolle bringen könnte.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert deshalb eine gerechtere Verteilung von Impfstoffen. Bei der Welthandelsorganisation (WTO) wird außerdem darüber verhandelt, Patentrechte für die Zeit der Pandemie auszusetzen, damit die Produktion auch in ärmeren Ländern leichter starten könnte.

Ablaufdatum: Wie schnell verfallen Corona-Impfstoffe?

Impfstoffe haben auch im ungeöffneten Zustand und bei richtiger Lagerung ein Ablaufdatum bzw. Haltbarkeitsdatum. Es unterscheidet sich bei den Corona-Impfungen je nach Impfstoff, die ja auch sehr unterschiedlich hergestellt werden und funktionieren.

Der mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer-Impfung muss nach 6 Monaten verimpft sein, der von Moderna nach 7 Monaten. Sie müssen beide dafür bei extremer Kälte gelagert werden.

Der Vektor-Impfstoff von AstraZeneca läuft nach 6 Monaten ab (wird in Österreich aber praktisch nicht mehr verwendet) und  der von Johnson & Johnson nach spätestens 2 Jahren. Beide haben einfachere Lagerbedingungen.

Impfstoffe müssen rechtzeitig weitergereicht werden, damit sie nicht unbrauchbar werden. Der logistische Aufwand nimmt einige Wochen in Anspruch. Vertraglich braucht es offenbar auch die Zustimmung der Impfstoff-Hersteller dafür, dass man Impfstoffe weitergeben darf.

Wie viele Impfstoffe hat und braucht Österreich?

Das Gesundheitsministerium spricht von 4,29 Millionen Dosen, die als "lagernd" gelten, weil sie offensichtlich nicht akut gebraucht werden (2,89 Millionen Biontech/Pfizer, 759.000 Moderna,  403.000 AstraZeneca und 258.000 Johnson & Johnson).

Die Zahl kommt so zustande. Bisher wurden 16,6 Millionen Dosen nach Österreich geliefert. In Österreich wurden (Stand: 19.10.2021, aktuelle Zahlen immer im Impf-Dashboard) 11 Millionen Dosen von Corona-Impfungen an 5,8 Millionen Menschen verabreicht. Eine weitere Million ist bereits an Impfstellen ausgeliefert. Etwa 300.000 Menschen brauchen unmittelbar eine Zweitimpfung.

Derzeit sind 65% der Gesamtbevölkerung zumindest einmal geimpft. Erstimpfungen finden seit geraumer Zeit nur sehr wenige statt. Sollten sich nicht viele Menschen plötzlich umentscheiden, werden sich diese Zahl offenbar auch nicht wesentlich erhöhen. Außerdem erwartet Österreich laut dem Impf-Dashboard noch die Lieferung von 6,8 Millionen weiteren Dosen im vierten Quartal 2021 und 23 Millionen weitere Impfdosen im Jahr 2022, wenn die meisten Booster-Shots zu erwarten sind.

Österreich scheint den aktuellen Impfbedarf und auch den für die dritten Booster-Shots also deutlich überzuerfüllen. 

Könnten Impfstoffe in Österreich verfallen?

Die Gefahr ist offensichtlich: Ungefähr seit Juli kommen in Österreich mehr Impfstoffe an, als verimpft werden können. Ungefähr seit Mitte August sind genug Impfstoffe im Land, um alle bis Mitte Oktober durchgeführten Impfungen zu schaffen. Alle Impfstoffe darüber hinaus müssen also rechtzeitig in den kommenden Monaten verbraucht werden. "Aktuell sind keine nennenswerten Mengen vom Ablauf bedroht", heißt es aus dem Gesundheitsministerium. 

Die Impfstoffe unterliegen laut Ministerium auch einem Monitoring. Das Problem ist dieses: Aktuell 5,8 Millionen Menschen kommen für eine Booster-Impfung in Frage. Naheliegend ist, dass Österreich also auch so viele Impfungen  zurückhält (verwendet werden hier aber vor allem die nach bisherigen Erkenntnissen etwas besser wirksameren mRNA-Impfstoffe). Wie viele Menschen den Zusatz-Shot auch wirklich in Anspruch nehmen (oder sich nun doch noch zur Erstimpfung entschließen), ist aber derzeit natürlich unsicher. Von gröberen Schwankungen dabei könnte auch abhängen, ob schließlich Impfdosen in Österreich vom Verderben bedroht sind.

Nach etwa sechs Monaten beginnt die Wirkung der Impfungen nach aktuellem Wissensstand abzunehmen. Die Booster-Shots für die Menschen, die zu Beginn der Impfkampagne ab Jänner 2021 erstmals geimpft wurden, sind mittlerweile bereits angelaufen. 200.000 Menschen haben bereits einen Booster erhalten. Für besonders gefährdete Gruppen sollte dieser 6 - 9 Monate nach der ersten "Vollimunisierung" erfolgen (das bedeutet, gerechnet ab zweiten Impfung bei Moderna, Biontech/Pfizer und AstraZeneca bzw. nach der ersten beim Impfstoff von Johnson & Johnson). Für alle anderen Personen wird die Booster-Impfung in Österreich 9 bis 12 Monate nach der ersten Vollimunisierung empfohlen.

Verschenkt Österreich Impfungen?

Reiche Industriestaaten haben alle ihre eigene Bevölkerung priorisiert behandelt, aber Bereitschaft erklärt, ihren Überschuss zumindest teilweise zu zu teilen. Die EU-Mitgliedsstaaten haben deshalb alle ein Spendenziel zu erfüllen - auch Österreich.

Österreich spendet bisher vor allem den Impfstoff von AstraZeneca, der prinzipiell auch sicher ist, aber hierzulande nach anfänglich sehr negativer Berichterstattung über Einzelfälle mit schwerwiegenden Folgen besonders unpopulär ist. Bisher wurden bzw. bis Jahresende werden folgende Länder beliefert.

- Ukraine (insgesamt 250.000 Dosen)
- Libanon (100.000 Dosen)
- Bosnien und Herzegowina (500.000 Dosen)
- Tunesien (50.000 Dosen)
- Costa Rica (50.000 Dosen)
- Iran (1 Mio. Dosen)

Die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna behält man vorerst im Land, um Booster- und mögliche weitere Erst- und Zweitimpfungen abwickeln zu können. "Größere Impfstoffspenden werden 2022 durchgeführt werden", heißt es von einem Sprecher des Gesundheitsministeriums gegenüber MOMENT.

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