Eine traurige Frau steht im Schnee

Aufgrund von Corona können viele Weihnachten nicht mit ihren Liebsten feiern. Seit der Pandemie hat jeder zweite zumindest zeitweise Einsamkeit erlebt.

Pixabay/Pawel Konzera

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/ 23. Dezember 2020

Wer alleine lebt und keine Familie hat, fühlt sich um Weihnachten oft einsam. Heuer fällt bei vielen aufgrund von Corona das Fest aus. Laut einer Umfrage erlebten 47 Prozent der Österreicher im Lockdown Einsamkeit. Psychologen geben Tipps für die seelische Gesundheit und wie das Fest auch alleine gelingen kann.

 

Frau Gertrude (Name von der Redaktion geändert) ist für gewöhnlich ein geselliger Mensch. Die Pensionistin geht gerne ins Theater oder zu Konzerten, in ihrem Seniorenclub trifft sie Gleichaltrige. Doch nun ist sie aufgrund der Corona-Pandemie den ganzen Tag alleine zu Hause. 

“Und jetzt ist auch noch unser Lift kaputt. Ich tue ich mir beim Treppensteigen schwer. Die Nachbarn gehen nun für mich Einkaufen, aber ich hoffe, dass ich wenigstens bald wieder spazieren gehen kann”, erklärt Gertrude. Ihre Kinder rufen sie regelmäßig an. “Aber was soll ich mich dauernd bei ihnen beklagen, die haben doch ihre eigenen Probleme”, so die Wienerin. 

Wegen Corona weiß sie noch nicht, ob sie Weihnachten mit ihrer Familie feiern kann. Damit ihr zu Hause nicht langweilig wird, telefoniert sie täglich mit Menschen über das Caritas-Plaudernetz, das im April eingerichtet wurde und bei dem Ehrenamtliche mit allen telefonieren, die sonst niemanden zum Tratschen haben.

Einsamkeit empfindet aufgrund von Lockdowns jeder zweite

In Österreich leben rund 1,5 Millionen Menschen wie Gertrude alleine. Das sind 17 Prozent. In Wien machen die Einpersonenhaushalte sogar 44 Prozent aus. Drei von zehn Alleinlebenden sind 65 Jahre oder älter. 

Einsamkeit im Alter ist grundsätzlich ein Problem. Doch seit Corona  erleben auch viele junge Menschen Einsamkeit. Das ergab eine EU-weite Studie des Unternehmens Kaspersky, die im ersten Lockdown durchgeführt wurde. 47 Prozent der Österreicher gaben an, dass sie gelegentlich Einsamkeit empfanden. Das war immerhin ein bisschen besser als der EU-Schnitt, der bei 52 Prozent lag. Übrigens gibt es auch zwischen den Geschlechtern keine signifikanten Unterschiede.

Wo bleibt der “Pakt gegen Einsamkeit”?

Großbritannien hat schon ein “Ministerium gegen Einsamkeit” ins Leben gerufen. Im Sommer hat auch die österreichische Regierung einen “Pakt gegen Einsamkeit” in Aussicht gestellt. Im August gab es dazu einen runden Tisch im Bundeskanzleramt. Passiert ist seither aber nichts. 

Caritas-Präsident Michael Landau wünscht sich einen eigenen Regierungsbeauftragten, der sich dem Thema Einsamkeit annimmt. Denn diese sei längst zu einer “Zivilisationskrankheit” geworden. Die Pandemie hätte nur einen “Brennglaseffekt” gehabt und die Lage verschärft. 

Auch pro mente Österreich, der österreichische Dachverband der Vereine und Gesellschaften für psychische und soziale Gesundheit, befürchtet eine rapide Verschlechterung der seelischen Gesundheit, sollte die Regierung nicht bald handeln. Günter Klug, Präsdient von pro mente, zeigt sich besorgt: “Österreich hat noch viele Baustellen in der psychosozialen Versorgung. Durch die zu erwartende höhere Zahl der Betroffenen über die nächsten Jahre hinweg muss dieser Bereich dringend gestärkt werden.”

Einsamkeit betrifft auch Menschen, von denen wir es nicht erwarten

Einsamkeit hat viele Gesichter, zieht sich durch alle soziale Schichten und betrifft nicht nur Senioren, sondern auch junge Menschen, die mitten im Leben stehen, erklärt Sonja Hörmanseder, Geschäftsfeldleiterin der Krisenhilfe Oberösterreich: “Ich habe neulich mit einer jungen Frau gesprochen, die in einer Agentur arbeitet, normalerweise immer unter vielen Menschen und auf Veranstaltungen ist. Nun hat sie sich mit ihrem Partner auseinandergelebt und fühlt sich einsam, obwohl sie noch in einer Beziehung ist.” 

Einsamkeit kann auch jene betreffen, die sich bewusst dafür entschieden haben, alleine zu leben, die aber nun ihre Alltagskontakte nicht sehen können. Auch im Homeoffice fällt die wichtige soziale Komponente des Berufsalltags flach, was viele vermissen. Laut Hörmanseder erleben vor allem AlleinerzieherInnen diese Zeit als besonders belastend, da sie mehr als sonst auf sich alleine gestellt sind.

Teenager aufgrund von Corona besonders belastet

Während sich ältere Menschen oft schon länger an das Alleinsein gewöhnt haben und generell weniger soziale Kontakte pflegen, trifft es Teenager besonders hart, da sie nun ihre Freunde nicht oder nur noch eingeschränkt sehen können. Laut der Kaspersky-Studie fühlen sich jene, die vor 1946 geboren sind, am seltensten alleine. Dagegen beklagen 67 Prozent der ab 1994 geborenen “Generation Z” mit 67 Prozent am häufigsten ihre Einsamkeit. 

Freilich sind die Eltern oder Geschwistern vor allem in der Pubertät kein Ersatz für die gleichaltrige Freundesgruppe. Freundschaftliche oder familiäre Kontakte kann keine Technologie und keine Video-Konferenz ersetzen, sind 78 Prozent der österreichischen Befragten überzeugt.

Einsamkeit macht krank

Der Psychiater und Psychotherapeut Günther Klug betont, dass es zahlreiche wissenschaftliche Studien über die negativen Auswirkungen von Einsamkeit auf die Gesundheit gibt. “Einsamkeit stellt für die Verkürzung der Lebenszeit ein höheres Risiko als Übergewicht, hoher Blutdruck oder Rauchen dar”, so der Psychiater. Sozial isolierte Menschen haben sogar auch ein 2- bis 3-faches Risiko, früher zu sterben.

An Weihnachten rückt Einsamkeit stärker ins Zentrum

Die Feiertage können schon unter normalen Umständen für viele belastend sein, die alleine zu Hause sitzen, während alle anderen mit ihren Familien und Freunden feiern. Doch nun müssen noch mehr Menschen aufgrund der Corona-Krise alleine feiern. Experten befürchten, dass vielen Menschen nun die Decke auf den Kopf fallen wird, schließlich nehmen Depressionen, Angststörungen und andere psychischen Belastungen bereits seit der Corona-Krise kontinuierlich zu.

Was gegen Einsamkeit hilft und der Psyche gut tut

  • An Weihnachten gut zu sich selbst sein. Sich selbst etwas gönnen und sei es ein gutes Essen. Auch Körperpflege ist Balsam für die Seele: Ein heißes Bad, ein Parfüm benutzen und sich aufbrezeln, auch wenn es nur für das eigene Wohnzimmer ist.
  • Bewegung und frische Luft. Sport unter Anleitung von Youtube-Videos oder ein Spaziergang an der frischen Luft - vor allem im Tageslicht - wirken nachweislich gegen depressive Verstimmungen und Traurigkeit.
  • Tagesstruktur schaffen. Ein geregelter Alltag hilft immer über seelische Tiefs hinweg. Die Feiertage durchplanen und sich ein Programm überlegen. Angenehmes einplanen, so wird auch die Vorfreude geweckt.
  • Alte Kontakte reaktivieren. Viele Freunde, Bekannte oder Verwandte freuen sich über Anrufe - und vielleicht ist der eine oder andere ja selbst gerade einsam.
  • Alte Hobbys wieder aufnehmen. Es gibt so vieles, wozu im Berufsalltag die Zeit fehlt? Vielleicht mal wieder zur Malschachtel oder alten Gitarre greifen und einfach loslegen.
  • Sich ehrenamtlich engagieren. Momentan geht es vielen Menschen nicht gut. Vielleicht gibt es eine Nachbarschaftshilfe, die Unterstützung braucht. Anderen zu helfen tut auch der eigenen Psyche gut.
  • Darüber reden. Viele haben Hemmungen davor, ihr Herz den Freunden oder Familie auszuschütten. Dabei wären sie mitunter sogar froh, endlich zu erfahren, was los ist und warum sich jemand zurückzieht oder schlecht gelaunt ist. Und vor allem: Keine Scheu vor professioneller Hilfe. Es gibt viele Hotlines, die kostenlos und anonym professionelle Beratung bieten.

 

Im vom Selbsthilfe-Verein pro mente Austria initiierten Blog „Erste Hilfe für die Seele“ gibt es ExpertInnen-Tipps und Erfahrungsberichte von Mitmenschen. Es kann auch selbst mitmachen. 

Leidest du unter Depressionen oder hast Suizidgedanken? Bitte wende dich an die Telefonseelsorge, kostenlos stehen dir Experten rund um die Uhr unter 142 zur Verfügung. Es gibt auch Beratungen über Chat und Mail.

Auch die Experten des Kriseninterventionsteams stehen für eine Beratung von Montag bis Freitag unter +43 1/ 406 95 95 zur Verfügung. Auch hier ist eine anonyme E-Mail Beratung möglich.

Die psychologischen Helpline des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen ist Montag bis Sonntag, 10 bis 20 Uhr unter +43 1 /504 8000 erreichbar.

 

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