Wie der Börsengang von SpaceX und KI-Konzernen Indexfonds zum Spekulieren zwingt
Du willst spekulieren? Dann ist so ein ETF, der auf großen Aktienindizes aufbaut, normalerweise gerade nichts für dich. Wer sein Geld in solche Fonds steckt, versucht den Markt abzubilden. All die großen Unternehmen, alle wichtigen Branchen in einem Paket. Das Versprechen: Beständiges Wachstum, zumindest langfristig angeblich mit wenig Risiko.
Doch der aktuelle KI-Boom stellt das infrage. Die großen KI-Konzerne planenen Börsegänge: den Anfang hat SpaceX bereits gemacht, OpenAI - Betreiber von ChatGPT - oder Anthropic mit Claude dürften bald folgen. Und das betrifft auch in Österreich immer mehr Menschen, die entweder selbst über Fonds oder ETF-Sparpläne verfügen, oder indirekt über Pensionskassen und betriebliche Vorsorgekassen an den Finanzmärkten investiert sind.
Besonders deutlich hat das der jüngste Börsegang von SpaceX gezeigt. Zum Weltraumkonzern SpaceX gehören auch der Satelliteninternet-Dienst Starlink, die KI-Firma xAI und die Social-Media-Plattform X. Während Starlink Gewinne schreibt, sind die übrigen Beteiligungen tief in den roten Zahlen. Der Börsengang soll jetzt frisches Geld in die Kassen spülen - und gleichzeitig frühen Investor:innen die Möglichkeit geben, ihre Beteiligungen gewinnbringend zu verkaufen.
Mit den frühen Investor:innen sind aber nicht die gemeint, die jetzt in den Konzern Geld pumpen sollen. Frühe Investor:innen sind vor allem andere Technologie-Konzerne und Risikokapitalfonds, die schon vor dem Börsengang Anteile an SpaceX erworben haben.
Nur fünf Prozent der Anteile von SpaceX wurden jetzt im Juni an die Börse gebracht. Der weitaus größere Teil bleibt beim größten SpaceX-Aktionär Elon Musk oder darf aus vertraglichen Gründen noch nicht verkauft werden. Hinzu kommt: Die jetzt öffentlich verkauften Klasse-A-Aktien verfügen über jeweils eine Stimme bei Aktionärsentscheidungen. Die Klasse-B-Aktien, die vor allem Musk hat, die bringen hingegen zehn Stimmen pro Aktie.
Diese Vorgehensweise ist aus gleich drei Gründen problematisch
Erstens besitzt Musk dadurch zwar „nur“ rund 40 Prozent des Unternehmens, kontrolliert aber weiterhin über 80 Prozent der Stimmrechte. Für die neuen Anleger:innen bedeutet das: Sie dürfen am wirtschaftlichen Erfolg von SpaceX teilhaben und tragen das Risiko eines Kursverlusts. Einfluss auf die Ausrichtung des Unternehmens erhalten sie dafür kaum.
Zweitens trifft eine enorme Nachfrage auf ein sehr kleines Angebot an frei handelbaren Aktien. Schon vergleichsweise wenige Käufe oder Verkäufe können den Kurs deshalb stark bewegen.
Der Preis dieser kleinen handelbaren Minderheit an Anteilen bestimmt aber rechnerisch den Wert des gesamten Unternehmens. Steigt die Aktie, steigt damit auch der auf Wert aller nicht gehandelten SpaceX-Anteile – und damit insbesondere Elon Musks Vermögen. Das ist mit der Hauptgrund dafür, dass Elon Musk jetzt als der erste Billionär der Geschichte firmiert.
Drittens könnten Indexfonds zusätzlichen Preisdruck erzeugen. Wird SpaceX rasch in Indizes wie den Nasdaq-100 oder den S&P 500 aufgenommen, müssen ETFs, die diesen Index nachbilden, SpaceX-Aktien kaufen. Weil davon aber eben nur wenige verfügbar sind, konkurrieren zahlreiche Fonds und Anleger um wenige Aktien.
So kann die Aufnahme in einen Index den Kurs besonders stark antreiben, ohne dass sich am Geschäft des Unternehmens etwas geändert hat. Gleichzeitig werden so auch all jene zu SpaceX-Miteigentümern gemacht, denen ein direktes Investment in ein von Elon Musk kontrolliertes SpaceX zu riskant wäre.
Aktienindizes wie S&P 500 oder Nasdaq sind eben weit mehr als bloße Ranglisten. Sie entscheiden darüber, welche Unternehmen automatisch von Billionen Dollar an ETF- und Pensionsfonds-Geldern profitieren. Damit Fonds nicht kurz nach riskanten Börsegängen zu Investments gezwungen werden, treffen prominente Aktienindizes normalerweise Vorkehrungen: Unternehmen müssen mindestens ein Jahr börsennotiert sein und Gewinne erwirtschaften, um für die Aufnahme in einen Index in Frage zu kommen. Doch genau diese Vorkehrungen wackeln jetzt oder wurden bereits aus dem Weg geräumt.
Warum die Aufnahme in einen Aktienindex so wichtig ist
Für Unternehmen war die Aufnahme in einen Index bisher eine Art Ritterschlag der Finanzmärkte. Sie bringt Sichtbarkeit, Zufluss von Investmentkapital und erweitert automatisch den Kreis an Anleger:innen: plötzliche besitzen viele Menschen Anteile am Unternehmen, die sonst nie in das Unternehmen investiert hätten.
Genau deshalb wurde in den vergangenen Monaten intensiv darüber diskutiert, ob große KI-Unternehmen wie OpenAI, Anthropic oder SpaceX künftig schneller in Indizes wie Nasdaq und S&P 500 aufgenommen werden sollten.
Nicht nur die Wartefrist, auch die Anforderung Überschüsse zu erwirtschaften, waren jedoch bislang ein Hindernis für die Aufnahme dieser neuen KI-Giganten. Viele von ihnen investieren enorme Summen in Rechenzentren und Wachstum und schreiben keine Gewinne, sondern enorme Verluste.
Gleichzeitig ist ihre Bewertung hoch. Die Versprechen von KI sind groß. Die Kurse steigen, getrieben von der Fantasie, dass diese Unternehmen die Profiteure eines Technologiesprungs sein werden. Indexfonds profitieren von dieser Kurs-Rally aber erstmal noch nicht, weil die Unternehmen nicht im Index enthalten sind - und mangels Gewinnen auch auf längere Zeit außen vor bleiben könnten.
Mit anderen Worten: wenn KI tatsächlich so bedeutend wird, wie ihre Befürworter hoffen und manche Kritiker:innen befürchten, dann wäre ein Aktienindex ohne die führenden KI-Unternehmen zunehmend unvollständig. Ein ETF auf den S&P 500 würde dann nicht mehr den gesamten Markt abbilden, sondern einen immer wichtigeren Teil der Wirtschaft ausblenden.
Die Frage lautete daher: Soll man für KI-Konzerne Ausnahmen für die Aufnahme in Aktienindizes schaffen?
Nasdaq nimmt SpaceX auf, S&P 500 wartet zu
Die US-Technologiebörse Nasdaq hat diese Frage inzwischen eindeutig mit Ja beantwortet. Kurz vor dem Börsengang von Elons Musks Mischkonzern SpaceX änderte sie ihre Regeln. SpaceX wurde damit unmittelbar mit dem Börsengang Teil des Index, in Bälde werden Indexfonds wie der Nasdaq-100-ETF gezwungenermaßen Anteile an dem SpaceX erwerben. Die Regeln werden geändert. Den KI-Giganten wird ein Roter “Fast Entry”-Teppich ausgelegt.
Nicht alle Indizes machen das so. Die Verantwortlichen des S&P 500 lehnten Sonderregeln ab und behielten ihre bisherigen Kriterien für die Aufnahme neuer Unternehmen in den Index bei. KI-Konzerne bekommen keine Vorzugsbehandlung, nur weil sie morgen vielleicht die Weltwirtschaft dominieren könnten.
Das Dilemma für ETF-Anleger:innen
Gerade für risikoscheue Anleger:innen, die auf ETFs als möglichst sichere Anlageform setzen, entsteht dadurch allerdings ein Problem. Passive Investments wurden ursprünglich entwickelt, um genau eine Frage zu vermeiden: Welche Unternehmen oder Branchen werden künftig Gewinner sein? Statt selbst Prognosen treffen und spekulieren zu müssen, kauft man einfach den gesamten Markt.
Doch nun zwingt die KI-Euphorie und die unterschiedliche Entscheidung diverser Indizes Anleger:innen genau zu dieser Entscheidung. Wer ausschließlich auf einen klassischen S&P-500-ETF setzt, könnte in den kommenden Jahren die spektakulärsten Kursanstiege der großen KI-Konzerne verpassen.
Wer dagegen in andere Indizes mit SpaceX und bald OpenAI investiert, wettet aktiv darauf, dass deren derzeitige Bewertungen gerechtfertigt sind – und läuft Gefahr, einer Blase hinterherzulaufen. Mit anderen Worten: Entweder man riskiert, die wichtigsten Gewinner des KI-Booms zu verpassen. Oder man setzt auf Index-Fonds, die noch stärker spekulativen Risiken der KI-Bubble ausgesetzt sind. Egal wie, selbst mit ETFs lässt sich damit nicht mehr nicht auf KI spekulieren.
Warum S&P-500-Anleger:innen trotzdem im KI-Casino sitzen
Hinzu kommt: Selbst wenn OpenAI oder Anthropic heute noch nicht im S&P 500 enthalten sind, bedeutet das keineswegs, dass ETF-Anleger:innen vom KI-Boom abgeschirmt wären. Der Grund: Viele große Technologiekonzerne im Index besitzen selbst Beteiligungen an KI-Startups.
Google-Mutter Alphabet, Amazon oder Nvidia haben Milliardenbeträge in KI-Unternehmen investiert, die oft noch gar nicht börsennotiert sind. Wenn die Bewertungen dieser Startups durch einen Börsengang steigen, steigt auch der ausgewiesene Wert dieser Beteiligungen in deren Bilanzen. Nach den geltenden US-Bilanzierungsregeln müssen solche Wertsteigerungen teilweise direkt in den Unternehmensgewinnen ausgewiesen werden – obwohl die Beteiligungen gar nicht verkauft wurden.
Der Effekt ist mittlerweile so groß, dass laut Berechnungen des Finanzwissenschaftlers Baolian Wang rund zwölf Prozent der Gewinne des S&P 500 im ersten Quartal 2026 auf solche Aufwertungen von Beteiligungen zurückzuführen waren. Das bedeutet: Auch wer ausschließlich einen breiten ETF besitzt, ist längst indirekt von den Bewertungen dieser KI-Unternehmen betroffen.
Oder anders formuliert: selbst wenn KI-Unternehmen noch nicht im Index aufgenommen wurden, so sind ihre Bewertungen trotzdem für die Performance von Indexfonds relevant. Wer einen S&P-500-ETF besitzt, hält deshalb vielleicht unmittelbar keine Aktien von SpaceX oder OpenAI. Ganz entkommen kann man also auch mit ETFs der KI-Wette nicht.











