print print
favorites-circle favorites-circle
favorites-circle-full favorites-circle-full
Ungleichheit
Demokratie

Sicherer FLINTA*-Badebereich auf der Donauinsel – kann das funktionieren?

Sicherer FLINTA*-Badebereich auf der Donauinsel – kann das funktionieren?
Die Donauinsel ist ein beliebter Badeort. Foto: Gugerell, CC0, via Wikimedia Commons
Anstarren, ungefragte Fotos, Belästigung – für Frauen und andere diskriminierte Personengruppen gehört das beim Baden leider oft dazu. Eine Petition fordert deswegen einen sicheren FLINTA*-Badebereich auf der Donauinsel. Kann das funktionieren?

Das Wasser steht mir bis zum Bauchnabel, als mich ein fremder Mann in Barcelona anspricht und mir beginnt, Fragen zu stellen: Ob ich im Urlaub bin, ob ich alleine hier bin und wie lange. Mir ist die Situation unangenehm, aber ich will ihn ja nicht vorverurteilen. Und falls er schlechte Absichten hat, soll es auch nicht eskalieren. Also antworte ich - höflich, aber so kurz wie möglich, um klarzumachen, dass ich kein Interesse habe. Er hört nicht auf, stellt weiter Fragen. Ich versuche an ihm vorbeizugehen. Ich will aus dem Wasser raus und vor allem aus einer Situation, in der ich mich nicht wohl und nicht sicher fühle. Aber er lässt mich nicht vorbei. Bewege ich mich nach rechts, geht auch er nach rechts. Nach links. Dasselbe.

Vor mir ist also ein fremder Mann, der mir eine Interaktion aufzwingt, die ich nicht haben will. Hinter mir das Meer. Ich schwimme nicht sonderlich gut. Ich kann mich zwar gut über Wasser halten, aber schnell bin ich nicht. Im Zweifelsfall wahrscheinlich zu langsam. Natürlich bin ich auch nur mit Bikini bekleidet. Ich fühle mich nicht nur verwundbar und ausgeliefert, ich bin es. Irgendwann kann ich die Situation auflösen und aus dem Wasser gehen, aber es dauert. Der Badetag ist für mich gelaufen.

Starren, fotografieren, belästigen

Das ist nur eine von vielen Situationen, die Frauen und andere von Diskriminierung Betroffene beim Baden allzu oft erleben. Sie werden angestarrt, ungefragt fotografiert, angesprochen, bedrängt oder belästigt. Der öffentliche Raum und insbesondere Baden ist für sie nicht sicher.

Das ist auch in Wien nicht anders. Melanie Gradik hat deswegen eine Petition gestartet für einen sicheren FLINTA*-Badebereich auf der Donauinsel. „Ich möchte öffentliche Räume zurücknehmen und sicherer machen für FLINTA*“, sagt die 27-Jährige. Dass sich FLINTA*-Personen nicht sicher fühlen, bestätigt auch eine Straßenumfrage auf der Donauinsel.

Ein solcher Bereich soll möglichst in der Nähe einer Öffi-Station liegen, damit er sicher und unkompliziert erreicht werden kann, fordert die Initiatorin in der Petition. Außerdem soll er gut beleuchtet und barrierefrei sein. Toiletten sollten in unmittelbarer Nähe und damit hygienische Möglichkeiten zum Wechseln von Periodenprodukten gegeben sein. 

Das Ziel sei „die Schaffung eines Ortes, an dem sich FLINTA-Personen besonders sicher und wohl fühlen können“, heißt es in der Petition.

Wir brauchen Schutzräume wie einen FLINTA*-Badebereich

Auch Zoe* Steinsberger vom Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung an der Universität Innsbruck beschreibt, „es ist wichtig, Schutzräume zu haben, in denen trans, inter-, nichtbinäre Personen und Frauen einfach die Möglichkeit haben, zu sein – ohne eine Form von Sexismus und Belästigung wie begafft oder sexualisiert zu werden.“ 

Ihre Kollegin Kordula Schnegg stimmt dem zu: „Ich halte Schutzräume und Rückzugsorte für notwendig und finde Diskussionen irritierend, die das in Frage stellen. Was kann man denn gegen safer Spaces haben?“ 

Dabei geht es nicht nur um „Jux und Tollerei“, sondern um ein Grundbedürfnis nach Sicherheit, um Erholung und Gesundheitsförderung, betont Schnegg. Es geht darum, das Gleiche erleben zu dürfen, wie Menschen mit mehr Privilegien. Und es geht darum, zu erleben: „Was heißt es, Raum einnehmen zu können, ohne sexualisiert oder pathologisiert zu werden?“, stellt Zoe* Steinsberger in den Raum. Für FLINTA*-Personen sei das meist eine völlig neue Erfahrung.

Wie kann ein FLINTA*-Badebereich funktionieren?

Das Ziel, Belästigung zu vermeiden, scheint unstrittig. Dass sich alle FLINTA*-Personen möglichst sicher, wohl und willkommen fühlen, ist in der Praxis aber nicht so einfach zu erreichen, sondern mit Herausforderungen verbunden. 

Absolute Sicherheit ist nicht möglich. Es gibt keinen safe Space, nur safer Spaces.

Zoe* Steinsberger, Universtität Innsbruck

Würde man das Problem streng mit Zugangskontrollen regeln, entstehen mehrere Probleme. Denn Geschlecht lässt sich nicht so einfach feststellen. FLINTA*-Personen könnten dazu gedrängt werden, sich zu outen. Es besteht wiederum die Gefahr, dass Menschen ausgeschlossen werden - in diesem Fall könnte das neben dem (dann beabsichtigen) Ausschluss von cis Männern, vor allem auch männlich gelesene FLINTA*-Personen betreffen. 

Wichtig ist auch, gegenüber Mehrfachdiskriminierung beispielsweise aufgrund der Religion, Herkunft, einer Behinderung oder des Alters sensibel zu sein. 

Doch: „Absolute Sicherheit ist nicht möglich. Es gibt keinen safe Space, nur safer Spaces“, stellt Zoe* Steinsberger klar. Damit ein Raum für alle Besucher:innen so sicher und diskriminierungsfrei wie möglich ist, brauche es vor allem Sensibilisierung. Es brauche Austausch und gewisse Regeln, die am besten die Community selbst festlegt. 

Auch da stellen sich Fragen. Zum Beispiel: Wer ist die Community? Was wenn mehrere Bedürfnisse aufeinandertreffen? Welche Bedürfnisse bekommen in einem öffentlichen Bereich im Zweifelsfall Vorrang? Das zu klären könnte durch eine Auftaktveranstaltung gelingen, wo Interessierte eingeladen werden, gemeinsam mit Expert:innen den Raum zu gestalten und die Regeln festzulegen. So eine Form der Bürgerbeteiligung gibt es beispielsweise bereits bei der Umgestaltung von öffentlichen Plätzen und Parks. Bei einem FLINTA*-Badebereich könnte man das auch einmal pro Saison machen. Die Informationen müssen dann vor Ort zugänglich sein, beispielsweise durch Plakate und Ansprechpersonen.

Menschen, die vor Ort vermitteln und im Zweifelsfall helfen, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält, sind laut Steinsberger ebenfalls unumgänglich. Von April bis Ende September sind bereits mobile Insel-Teams auf Rädern auf der Donauinsel unterwegs. “Sie achten auf die Einhaltung der Spielregeln und für ein gutes Miteinander auf der Insel”, antwortet die Stadt Wien auf Nachfrage. Das Konzept ist also ebenfalls nicht neu. Die Frage ist eher, ob dies finanziert wird. „Das kostet zwar Geld, aber das sollten uns safer Spaces doch wert sein“, findet Schnegg.

Das Personal muss dabei gut geschult sein und gendersensibel arbeiten, betonen die Expert:innen. Dazu gehöre das Bewusstsein, dass Geschlecht nicht am Körper ablesbar ist. Das bedeutet auch, dass der Einlass nur schwer bis gar nicht kontrolliert werden kann.

„Queeres Saunieren“ zeigt, wie ein safer Space funktioniert

Ein Beispiel, wie ein safer Space entstehen kann, zeigt die Sargfabrik mit dem Event „Queeres Saunieren“.

Ob jemand eine Frau, Lesbe, intergeschlechtlich, nicht-binär, trans oder agender ist, wird nicht kontrolliert - weil es schlicht nicht kontrolliert werden kann. Stattdessen setzt man auf Selbstauskunft, klare Regeln und Vertrauen. 

Auch cis Männer sind dabei nicht ausgeschlossen, aber sie bekommen maximal 20 Prozent der Tickets. Hält sich jemand nicht an die Regeln, können sich Gäst:innen an das Personal wenden. Die Mitarbeiter:innen hören ihnen zu und versuchen gemeinsam eine Lösung zu finden. Im Zweifelsfall würde man Personen auch rauswerfen. Das sei aber noch nie nötig gewesen, erzählt Veranstalter:in Ben Russell. 

Die Regeln für einen frei zugänglichen FLINTA-Badebereich auf der Donauinsel müssten natürlich andere sein als für "Queeres Saunieren". Es ist aber ein Beispiel, wie mit Regeln umgegangen und ein solcher Ort funktionieren kann. Auch weil vor allem jene Menschen einen solchen Ort aufsuchen, die ein Interesse daran haben, dass er funktioniert, meinen die Expert:innen.

Hass nach „Badetag ohne Männer“

Ein anderes Beispiel hat Madeleine Alizadeh, Unternehmerin, Autorin und als DariaDaria auf Instagram bekannt, 2021 im Thermalbad Vöslau organisiert. Beim „Badetag ohne Männer“ wurde für sechs Stunden ein Bereich für Männer gesperrt. Hier wurde also eine harte Grenze gezogen. Das restliche Freibad war allerdings wie auch sonst für alle offen. 

Laut Madeleine Alizadeh wurde die Aktion von den Teilnehmer:innen sehr gut angenommen. „Viele Frauen haben rückgemeldet, wie wohltuend es war, diesen Raum zu haben - ohne Blicke, ohne Kommentare, einfach entspannen”, schildert sie gegenüber MOMENT.at. Die Reaktionen zeigten, dass so ein Angebot gebraucht werde, betont sie.

Die Reaktionen waren aber nicht nur positiv. Vor allem online war sie mit viel Hass konfrontiert. Das bestätigt einerseits, dass FLINTA*-Personen eben in dieser Gesellschaft nicht sicher sind und Schutzräume brauchen. Andererseits zeigt es, dass spezielle Schutzräume nicht reichen. Alle Räume sollten für alle Personengruppen sicher sein - insbesondere öffentliche.

Alle Räume sollten für alle sicher sein

Dafür brauche es laut Kordula Schnegg nicht weniger als eine „Revolution im Zusammenleben.“ Männer als privilegierte Gruppe des Patriachats müssten Macht abgeben. Im Alltag brauche es Awareness-Teams in vielen Bereichen: In Parks oder in Badeanstalten. Die Gesellschaft müsse sensibel über die vorkommende Gewalt informiert werden – in Schulen, durch die Wissenschaft und Medien. 

Nur über eine kollektive Veränderung und Verständnis kann der öffentliche Raum tatsächlich für alle sicher werden. “Ich bin Optimistin”, sagt Schnegg auf die Frage, ob das realistisch sei. “Ich glaube, dass wir mehr Verbündete haben, als uns bewusst ist.” Aber bis man dem Ideal näher komme, brauche es eben Schutzräume.

Stadt Wien sieht derzeit keinen Bedarf an FLINTA*-Badebereich

Ob auf der Wiener Donauinsel einer entsteht, wird sich erst noch zeigen. Die zuständige Abteilung MA 48 ist der Meinung, dass es bereits Badebereiche gibt, die viele der Anforderungen erfüllen. So gebe es Badebereiche mit Beleuchtung, guter öffentlicher Anbindung, Spinde und Sanitäranlagen sowie Gastronomie und dadurch auch viele Besucher:innen. All das trage dazu bei, das Sicherheitsgefühl zu stärken und “allen Badegäst:innen einen möglichst angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen”, antwortet sie auf Nachfrage. Man sieht also aktuell keinen Bedarf. 

Die Petition steht bei 100 Unterschriften. Erst nach 500 Unterschriften muss sie von der Stadtpolitik behandelt werden. Dann evaluiere man den Bedarf natürlich neu, heißt es seitens der Stadt Wien.

    Neuen Kommentar hinzufügen

    Kommentare 0 Kommentare
    Kommentar hinzufügen

    Neuen Kommentar hinzufügen

    Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Beitrag!