Kellner bedient Gäste vor dem Parkhotel Brunauer

Im Hotel Brunauer in Salzburg arbeitet das Personal jetzt in der 4-Tage-Woche und 36 Wochenstunden bei Vollzeitlohn.

/ 19. Mai 2022

Gastronomie und Tourismus in Österreich klagen: Sie finden kein Personal mehr. Mitarbeiter:innen sind völlig überlastet und verlassen die Branche. Statt mehr Druck auf Arbeitssuchende machen zu wollen, führte ein Hotel in Salzburg jetzt nahe liegendes ein: die 4-Tage-Woche.
 

Ganz viel Hackeln und Hatschen für ganz wenig Geld. Das ist für viele Mitarbeiter:innen in Hotels der Alltag. „Ich habe 50 Stunden in der Woche gearbeitet und bin täglich bis zu 20 Kilometer gelaufen“, sagte Ex-Hotelkellner Robin zu MOMENT. Am Lohnzettel standen unterm Strich gerade einmal 1.400 Euro. Für die Branche sei das „völlig normal“, so Robin. Aber: „So lange zu arbeiten, hältst du auf die Dauer nicht aus.“ Robin stieg aus, suchte sich einen anderen Job. „Dort habe ich bessere Arbeitszeiten und viel mehr geregelte Freizeit.“

Er ist nicht allein damit. Hotels, Restaurants und Cafés finden immer schwerer Menschen, die Gäste bedienen, kellnern, kochen und putzen wollen. Was kann man da nur machen? Betreiber:innen und Interessenvertreter:innen der Branche verlangen vom Staat, mehr Druck auf Arbeitnehmer:innen zu machen. Die sollen schlecht bezahlte Jobs mit grenzwertigen Arbeitszeiten annehmen müssen. Etwa, indem Arbeitslose weniger Geld bekommen und Zumutbarkeitsbestimmungen verschärft werden.

Statt jammern: Hotel bietet 4-Tage-Woche

Wer für schlecht bezahlte, harte Jobs niemanden findet, kann aber auch etwas anderes machen: Zum Beispiel die Arbeitszeit verkürzen – bei vollem Lohnausgleich. Das Parkhotel Brunauer in Salzburg hat genau das getan. Seit Anfang Mai gilt hier für Mitarbeiter:innen die 4-Tage-Woche bei 36 Stunden Arbeitszeit in der Woche. Als Geschäftsführer Manuel Uguet die Idee seinen Beschäftigten vorstellte, hätten die aber erst einmal skeptisch reagiert. „Die konnten gar nicht glauben, dass da kein Haken dran ist", sagt Uguet zu MOMENT.

Der Ruf der Hotellerie als Arbeitsplatz „war nie der Beste", sagt Uguet. Er hat kein Verständnis für manche Branchenkolleg:innen, die lautstark in Medien jammern, dass niemand bei ihnen arbeiten möchte. „Das könnte ich auch machen, aber das hilft ja nichts", sagt Uguet. Er ist überzeugt: Wer dringend benötigte Mitarbeiter:innen bekommen möchte, muss ihnen auch etwas bieten. Es ist das angewandte Prinzip von Angebot und Nachfrage. Die 4-Tage-Woche sei dabei ein Baustein.

Im vergangenen Jahr bekam Uguet eine Studie zur Arbeitszeitverkürzung aus Island in die Hände. In einem groß angelegten Feldversuch mit tausenden Teilnehmer:innen zeigte sich: Obwohl sie kürzer arbeiteten, schafften sie genauso viel wie vorher. „Mensch, das probieren wir aus", sagte sich Uguet. Nach etwas mehr als zwei Wochen berichtet er: Die anfangs so ungläubigen Mitarbeiter:innen „genießen das. Sie freuen sich, einen ganzen Tag für sich zu haben."

Plötzlich trudeln mehr Bewerbungen ein

Und plötzlich trudeln auch viel mehr Bewerbungen in seinem Postfach ein, berichtet Uguet. "Inzwischen können wir uns die Kandidat:innen wieder aussuchen." Doch auch in den Vorstellungsgesprächen würden die am Job Interessierten fragen: "Ist das wirklich so? Ich bekomme für 40 Wochenstunden Gehalt, arbeite aber nur 36 Stunden und an 4 Tagen in der Woche?", sagt Uguet. Pro Woche führt er jetzt vier bis fünf Gespräche mit Bewerber:innen und hat bereits fünf neue Mitarbeiter:innen eingestellt. Derzeit arbeiten 43 Leute im Parkhotel Brunauer. Eigentümer der GmbH ist die Arbeiterkammer.

Doch Fakt ist: Kürzer arbeiten bei vollem Lohn, das kostet dem Betrieb zunächst einmal Geld. "Ich bin überzeugt, dass das funktioniert", sagt Uguet zu den höheren Personalkosten. „Unter dem Strich ist die Differenz gar nicht so groß, nicht einmal 10 Prozent." Andere Firmen, in denen Mitarbeiter:innen kürzer arbeiten und trotzdem gut verdienen, berichten MOMENT: Wir profitieren davon. Kund:innen „loben unsere Qualität und Produktivität“, sagte Klaus Hochreiter, Geschäftsführer des Marketing-Unternehmens eMagnetix.

Vor mehr als drei Jahren führte die Firma aus Bad Leonfelden in Oberösterreich die Vier-Tage-Woche ein und verkürzte die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich auf 30 Stunden in der Woche. Natürlich kostete das erstmal Geld, so Hochreiter. Doch auf der anderen Seite stünden: Zufriedenere Mitarbeiter:innen, die in kürzerer Zeit mehr schaffen. EMagnetix eröffnete inzwischen ein weiteres Büro in Linz. Es beschäftige mehr Mitarbeiter:innen und mache höhere Gewinne, so Hochreiter.

Wen die Arbeit belastet, macht Fehler

Studien zeigen: Lange Arbeitszeiten machen krank. Und mehr Krankenstände kosten den Unternehmen letztlich auch Geld. Wer länger arbeitet, macht mehr Fehler. „Wenn die Arbeit zu viel ist, macht sie einen fertig und wenn wir überlastet sind, leidet auch die Qualität“, sagte etwa Krankenpflegerin Elwira zu MOMENT. Thomas Mayer, Chef einer Wiener Social Media Ageentur bietet seinen Mitarbeiter:innen an, 32 Stunden in der Woche zu arbeiten - und Vollzeitlohn zu verdienen. „Die Leute sind fitter, sind glücklicher", sagte er im MOMENT-Interview.

In Umfragen wünscht sich eine Mehrheit der Arbeitnehmer:innen weniger zu arbeiten. Die Mehrheit hält 35 Stunden in der Woche für genug. Das Parkhotel Brunauer kommt mit den angebotenen 36 Stunden und drei freien Tagen in der Wochen nah heran. „Vor fünf Jahren wurde von Mitarbeiter:innen höchstmögliche Flexibilität gefordert", sagt er. Diese Zeiten seien vorbei: „Jetzt müssen wir flexible Arbeitszeiten bieten, etwa für alleinerziehende Mütter". Für Hotellier Manuel Uguet sind kürzere Arbeitszeiten bei angemessener Bezahlung die Zukunft der Branche, und ihre Rettung.

Denn in der Gegenwart ist es so: Viele, die früher in Küchen und hinter Tresen standen oder durch Hotelflure wetzten, kommen nicht mehr zurück. „Von der Gastro bleibe ich weit weg“, sagt Ex-Kellner Robin. Einige in der Branche wachen auf. Die Mitglieder der Initiative „Fair Job Hotels“ verpflichten sich, Ihren Beschäftigten gute Arbeitsbedingungen und faires Gehalt zu bieten. Neben 76 Hotels aus Deutschland hat der Verein bisher genau einen Beherbergungsbetrieb in Österreich als Partnerhotel gewonnen: das Parkhotel Brunauer in Salzburg.

 

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