Innenhof im WUK Wien

Innenhof des Wiener WUK. // Foto: Wolfgang Thaler

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/ 28. April 2021

Sie sind heute Institutionen in Österreich und bieten viele Jobs: Das Wiener WUK, das Musikgeschäft Klangfarbe, die Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Allen gemeinsam: Ihnen gelang mit der Aktion 8.000 der erfolgreiche Start. Die Maßnahme experimenteller Arbeitsmarktpolitik schuf ab den 1980er Jahren Tausende nachhaltige Jobs. Ein gutes Beispiel für heute?
 

Der Anfang war eine Baustelle. „Wir haben mit zwei Kellerräumen in einem Backsteinaltbau begonnen“, erinnert sich Rudolf Schauer, Mitgründer des Musikinstrumente-Geschäfts Klangfarbe in Wien. Eines der ersten Projekte, das im Herbst 1984 von der sogenannten Aktion 8.000 profitierte, einer Maßnahme experimenteller aktiver Arbeitsmarktpolitik.

Im Klangfarbe-Keller werkelten damals Schauer und zahlreiche freiwillige Helferinnen und Helfer daran, aus den heruntergekommenen Räumen ein Geschäftslokal zu machen. „Der erste Handelsvertreter, der da runter kam, war ein Tiroler. Der klopfte an die Eisentüre vom Keller und fragte: Is desch hier die Klangfarbe, Mandeln?“

Klangfarbe: Im Blaumann Instrumente eingekauft

So kam es, dass Schauer und seine Mitstreiter ihren ersten Einkauf von Instrumenten für ihr neues Geschäft am Einsiedlerplatz im 5. Bezirk im Blaumann gekleidet abschlossen. Zwei Monate später starteten sie mit dem Verkauf im hergerichteten Geschäft.

Gefördert wurde der „Verein Klangfarbe“ aus finanziellen Mitteln der sogenannten Aktion 8.000 – einer damals von Sozialministerium und AMS ins Leben gerufenen Initiative für experimentelle aktive Arbeitsmarktpolitik. Für die Klangfarbe gab es damals 500.000 Schilling. Das entspricht umgerechnet und inflationsbereinigt heute 77.000 Euro. „Heute ist das gar nichts mehr, damals war das grenzwertig“, sagt Schauer im Gespräch mit MOMENT.

Heute macht Klangfarbe Millionen Euro Umsatz

Die Klangfarbe mischte den Wiener Instrumentenmarkt auf. Inzwischen ist es umgezogen in den Wiener Gasometer und das größte Musikhaus Österreichs. Im Jahr 2016 konnte ein Umsatz von 16 Millionen Euro vermeldet werden, bei 60 festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Die 500.000 Schilling Einsatz bekam der Staat in Form von Steuern und eingesparten Sozialleistungen um ein Vielfaches zurück. „Das war ein Bombengeschäft für das Sozialministerium“, sagt Schauer rückblickend. „So einen Profit machen ja private Unternehmen nicht“, sagt Schauer.

Die 1983 beschlossene Arbeitsmarktoffensive hatte das Ziel, längerfristig Arbeitslose in Beschäftigung zu bringen und so „Lücken im Angebot an gesellschaftlich nützlichen Leistungen durch gemeinnützige Institutionen“ zu schließen, heißt es in einer bewertenden Studie des AMS aus dem Jahr 2016.

Die Maßnahme sollte 8.000 Arbeitsplätze in Bereichen wie Umwelt-, Kommunal-, Kultur- und Sozialpolitik schaffen. Aus ihr entwickelten sich die heutigen Sozialökonomischen und die Gemeinnützigen Beschäftigungsprojekte.

Das WUK: weniger eine Baustelle, mehr eine Ruine

Weniger eine Baustelle, mehr eine Ruine war Anfang der 1980er Jahre das heutige WUK an der Währinger Straße im 9. Wiener Gemeindebezirk. Der „Verein zur Schaffung offener Kultur und Werkstättenhäuser“ siedelte sich in einer alten Lokomotivfabrik an. „Das Haus stand leer, war in desolatem Zustand und eigentlich für den Abriss hergerichtet“, erinnert sich Ute Fragner, Obfrau des WUK Werkstätten und Kulturhaus.

Kreativität sei gefragt gewesen, um zu den notwendigsten Dingen zu kommen. „Wir haben Gasöfen in die Räume gestellt, Wasserleitungen neu verlegt. Im Winter hatten wir in der Werkstatt fünf Schichten Kleidung an. Die Finger sind uns abgefroren“, sagt Fragner zu MOMENT.

Lehrerinnen und Lehrer von Berufsschulen hatten die Idee, Jugendlichen mit Problemen am Arbeitsmarkt handwerkliche Ausbildungen zu ermöglichen, zu Malerinnen, Maurern oder Tischlerinnen. „Jugendliche, die ihre Lehre vorher abgebrochen hatten oder am freien Arbeitsmarkt aus unterschiedlichen Gründen keine bekommen hatten“, sagt Fragner.

WUK wollte Jugendliche in Arbeit bringen

Dafür gingen die Ehrenamtlichen vom WUK zum Sozialministerium, fragten, ob das gefördert werden kann. „Es ging darum, das WUK mit geringen Mitteln professionell zu sanieren und benachteiligte Jugendliche wieder in einen strukturierten Arbeitsalltag zu bringen", sagt Fragner.

„In Wien war die politische Situation damals gut. Einige Politiker hatten Weitsicht und waren dem aufgeschlossen“, sagt sie und nennt den damaligen Sozialminister Alfred Dallinger.

Aus den Mitteln der Aktion 8.000 wurden im WUK zunächst zwölf Schlüsselkräfte gefördert. Laut AMS-Studie arbeiteten im Jahr 2016 allein im Bereich Bildung und Beratung 130 Personen für das WUK. Dazu gibt es einen lebhaften Kulturbetrieb mit Konzerten, Lesungen, Theater.

Highlight im Büro von Vier Pfoten: ein Faxgerät

Bei der Tierschutzorganisation Vier Pfoten ging es zu Beginn kuschelig zu, um nicht zu sagen: beengt. „Unser erstes Büro war in der Wohnung vom Heli in der Neustiftgasse“, sagt Josef Pfabigan. Heli Dungler war 1988 Gründer von Vier Pfoten, später Geschäftsführer. Im vergangenen Jahr starb Dungler unerwartet. Sein langjähriger Wegbegleiter Pfabigan übernahm. Das Gründungsteam bestand aus 16 Personen, „alle ehrenamtlich“.

Die Aktion 8.000 half dem Verein zum Start, auch mit einem geräumigeren Arbeitsplatz: „Begonnen hat es mit einer 20-Stunden-Kraft im Büro auf der Mariahilfer Straße“, sagt Pfabigan zu MOMENT. Und: „Die größte Errungenschaft war ein Faxgerät, 11.000 Schilling hat das gekostet damals. Dafür bekommt man heute das Wissen der ganzen Welt.“ Das Gerät sei aber unabdingbar gewesen, um mit Behörden zu kommunizieren.

Bei Vier Pfoten arbeiten jetzt 350 Menschen

Die Aktion 8.000 „war essentiell für uns“, sagt Pfabigan. Ohne wäre es zwar auch gegangen, ist er sicher, aber so schnell und nachhaltig nicht. „Dass daraus nach 30 Jahren eine internationale Organisation wird, davon sind wir nicht ausgegangen.“

Heute haben die Vier Pfoten Büros in einem Dutzend Ländern. Im Jahr 2016 beschäftigte die Spenden finanzierte Tierschutzorganisation allein in Österreich knapp 100 Menschen und hatte weltweit rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Ende der 1980er Jahre stießen Dungler, Pfabigan und die Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf viel Skepsis. „Non-Profit- und Nichtregierungsorganisationen wurden immer stiefmütterlich behandelt, auch jetzt noch“, sagt Pfabigan. „Wenn man Wirtschaft sagt, meint man oft nicht die NGOs. Dabei tragen wir auch zur Wertschöpfung bei“, sagt Pfabigan.

Proteste gegen Rückbau der Aktion 8.000

Doch schon nach dem Regierungswechsel 1986 von rot-blau zu rot-schwarz (der Aufstieg Jörg Haiders beendete die Regierung) und der anschließenden Budgetkrise geriet die experimentelle Arbeitsmarktpolitik unter Druck.

Damals wurde das Budget für Arbeitsmarktpolitik um 1,6 Milliarden Schilling gekürzt. Umgerechnet und inflationsbereinigt sind das heute 230 Millionen Euro. Die experimentellen Förderungen wurden zurückgebaut. Proteste entbrannten. „Da waren 100.000 Leute auf der Straße, was dazu geführt hat, dass die Milliarde nachträglich wieder dotiert wurde“, sagt ein damaliger Arbeitsmarktvermittler in der AMS-Studie.

Kritik am WUK: nicht effizient genug

Auch das WUK musste sich seit seiner Gründung dafür rechtfertigen, öffentliches Geld zu erhalten. „Ab 1986 hat sich das abgezeichnet“, erinnert sie sich. „Es gab Kritik, die Maßnahmen seien nicht effizient und wir verwöhnten die Jugendlichen, sie sollten besser gleich wissen, wie es am Arbeitsmarkt zugeht“, sagt Fragner. Ende der 1990er blies dem WUK der Wind schärfer ins Gesicht. „Mit schwarz-blau wurde es eindeutig“, sagt Fragner.

„Damals habe ich dem AMS mit Stolz erzählt, dass von 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Ende der Ausbildung noch alle im Kurs sind und einige schon Jobzusagen erhalten haben“, berichtet sie. Der habe geantwortet: „Wenn Sie mir jetzt gesagt hätten, es haben drei abgebrochen und irgendwo einen Job angenommen, dann wäre das ein Erfolg.“

Ein Graben wurde erkennbar: zwischen der qualitativen Ausbildung und der aktiven Sozialarbeit, die im WUK betrieben wurde, und dem Anspruch des AMS, die Geförderten möglichst schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Aktion 8.000 schaffte nachhaltige Jobs

Auch die Aktion 8.000 selbst wurde immer wieder hinterfragt. Im Jahr 1988 wurde erstmals evaluiert. Dabei zeigte sich: Bei 51 Prozent der Geförderten bestand weiterhin ein festes Dienstverhältnis. Damit galt die Aktion 8.000 auch international als „effektives Programm“, so die AMS-Studie.

Von 1983 bis 1995 wurden insgesamt 31.902 Personen gefördert. Die Weiterbeschäftigungsquote erhöhte sich bis zum Ende der Aktion 8.000 auf 55 Prozent. Schaute man drei bis vier Jahre später vorbei, waren noch 36 Prozent der geförderten Personen in Arbeit. Insgesamt wurden damit also 11.500 nachhaltige Arbeitsplätze geschaffen.

Klangfarbe: Eine Idee, aber kein Geld

Auch Rudolf Schauer war arbeitslos, als es mit der Klangfarbe losging. Ein Mitstreiter ebenso. Der Dritte im Bunde hatte zwar noch einen Job, „er wusste aber, dass es zuende geht“, sagt Schauer. Sie hatten eine Idee und kein Geld. Ein privater Investor sprang kurzfristig ab. Die Mittel aus der Aktion 8.000, die öffentlich geförderten Arbeitsplätze, kamen genau richtig für sie.

Ein bisschen mühsam sei es für den Techniker gewesen, sich durch den Antragsdschungel zu schlagen. „Das war schlimm, aber nicht so schlimm wie heute, wenn du etwas von der Bank willst“, sagt er. „Im Ministerium waren sie flexibel, ohne sie hätte das nicht funktioniert. Ich wusste damals nicht einmal, wie die Mehrwertsteuer funktioniert. Das hat mich auch nie interessiert“, sagt er.

Was er und seine Mitstreiter damals angepackt haben, „ist ein bisschen wie mit den Start-ups heute“, sagt er. „Leute, die sich selbst ausbeuten und Geldgeber suchen. Das kann der Staat und die Privatwirtschaft fördern.“ Die Aktion 8.000 habe dabei aus seiner Sicht Modellcharakter.

Soziale Werte jenseits nackter Zahlen

„Das braucht es unbedingt auch heute noch“, sagt Josef Pfabigan von Vier Pfoten. Er hebt den sozialpolitischen Wert jenseits der nackten Zahlen hervor. „Wir versuchen beim Recruiting Randgruppen zu berücksichtigen und Menschen, die nicht so viel Glück hatten“, sagt er. MOMENT berichtete über derzeit laufende Projekte, die Langzeitarbeitslosen wieder eine Perspektive geben. Eine Perspektive zu haben, das sei wichtig, sagt auch Ute Fragner: „Die Arbeit im WUK war auch deshalb so erfolgreich, weil die Jugendlichen eine sinnvolle Aufgabe hatten. Sie bekamen Anerkennung und konnten herzeigen, was sie geleistet haben."

Die jungen Menschen, die im WUK eine Ausbildung absolvierten, „waren Jugendliche, die in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt wurden und auch einmal Nein gesagt haben. Das war offensichtlich nicht immer gefragt.“

 

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