Ein Mädchen lugt hinter einem Buch hervor

Oftmals steht in einem Schulbuch eine veraltete, falsche oder mitunter gar keine Informationen zum Thema Klimakrise. Wie kann das sein?

Pexels.com/Daria Shevtsova
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/ 17. Februar 2021

Die Klimakrise ist die wohl größte Bedrohung für die Zukunft der Menschheit und unseren Wohlstand. Trotzdem kommt sie in manchen Schulbüchern gar nicht oder in erschütternder Weise vor. MOMENT hat mehrere Schulbücher durchforstet und fragt sich: Wie kann das sein?

"Überschwemmungen, heiße, trockene Sommer, Winter ohne Schnee – Ausnahmen oder die Auswirkungen langfristiger Klimaveränderungen? Niemand weiß es genau."

Was? Natürlich wissen wir genau, dass wir uns in einer Klimakrise befinden, die extreme Wetterereignisse verstärkt. Und natürlich wissen wir, wer für die Klimakrise verantwortlich ist: nämlich die Menschheit, die seit der Industrialisierung Unmengen an Treibhausgasen in die Atmosphäre bläst.

Die haarsträubenden Sätze stammen nicht von einem Posting eines skurrilen Verharmlosers der Klimakrise, sondern aus einem Biologie-Schulbuch der sechsten Klasse. Was dort sonst noch so über die Klimakrise zu lesen ist, ist teilweise verharmlosend, veraltet oder schlicht falsch. Die LehrerInnen-Gruppe “Teachers for Future” hat deshalb im Vorjahr zum Rotstift gegriffen:

Eine Schulbuchseite mit Korrekturen zum Thema Klimakrise

Eine von drei Seiten eines Schulbuches für die 6. Schulstufe: Hier mussten die "Teachers for Future" den Rotstift ansetzen.

Wie gelangen Falschinformationen über die Klimakrise in ein Schulbuch?

Der Verlag hat mittlerweile auf die Vorwürfe reagiert, die Seiten korrigiert. Doch die Frage stellt sich: Wie konnten derart veraltete und falsche Informationen überhaupt in ein Schulbuch gelangen? Denn zwar können LehrerInnen selbst aussuchen, welche Schulbücher sie für ihren Unterricht verwenden wollen - doch sie dürfen nur solche verwenden, die zuvor vom Bildungsministerium überprüft und freigegeben wurden.

Und hier liegt genau das Problem begraben, wie die bekannte Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb erklärt: "Vor zwei Jahren schon habe ich Minister Faßmann vorgeschlagen, dass in die Schulbuchkommission Klima- und Nachhaltigkeitsexperten aufgenommen werden. Oder dass wir wenigstens Ergänzungsblätter auflegen dürfen, die Lehrkräften mit Bezug zu dem Buch, das sie verwenden, gut aufbereitete Ergänzungen anbieten - aber auch das wurde abgelehnt. Kein Bedarf hieß es aus der Bildungssektion." 

Auf die Anfrage von MOMENT zu diesen Vorwürfen antwortete das Bildungsministerium, dass aktuell die Lehrpläne komplett überarbeitet werden und im Zuge dessen auch die Schulbücher. Das Thema Klimaschutz soll dabei auf unterschiedliche Weise verankert werden.

Experten kritisieren Schulbücher

Kromp-Kolb ist sehr unzufrieden damit, wie das Thema Klimakrise in Schulbüchern aufbereitet wird: "Leider vermitteln die meisten Schulbücher die notwendigen Informationen nicht, sondern erschöpfen sich in punktuellen Andeutungen. Themenübergreifend kommt der Klimawandel praktisch nicht vor. Es bleibt daher zu viel der Eigeninitiative der Lehrkräfte überlassen."

Doch in vielen Schulbüchern kommt die Klimakrise gar nicht vor. Auch Karl Marquard von den "Teachers for Future" war darüber erstaunt: "Tatsächlich können SchülerInnen die gesamte Pflichtschullaufbahn absolvieren, ohne in einem Schulbuch das Wort Klimakrise zu finden."

Klimakrise ist in einem Schulbuch für die Volksschule gar kein Thema

MOMENT hat selbst einige Schulbücher genauer unter die Lupe genommen um zu sehen, wie die Themen Klimakrise und Nachhaltigkeit aufbereitet werden. Dabei haben wir uns vorerst auf die Volksschule konzentriert. Denn hier wird das Thema erstmals in der dritten oder vierten Klasse aufgegriffen.

Ein Schulbuch mit dem Titel "Lasso" will offenbar mit dem Thema Klimakrise gar nicht anstreifen - das Thema kommt einfach gar nicht vor. Es hätte locker in den Kapiteln "Wettererscheinungen" oder "Was die Zukunft bringt" untergebracht werden können. In letzterem geht es nur um die persönliche Zukunft des Kindes, das unter anderem aufgefordert wird, sich selbst mit 70 Jahren zu zeichnen. Wie sehr sich die Lebenswelt des Kindes bis dahin verändern wird, wird aber komplett ausgespart. Immerhin kommt das Thema Mülltrennung und -wiederverwertung vor.

"Bodenschatz Kohle" und "Wunderstoff Erdöl"

Das Schulbuch "Meine bunte Welt" widmet dem Thema Klimawandel immerhin eine ganze Seite. Eigenartigerweise wird der fossilen Energie im Gegensatz zur nachhaltigen Energie viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt: Während der Wasser-, Wind- und Sonnenenergie jeweils nur ein kurzer Absatz gewidmet ist, wird die Kohle in einer ganzen Seite als wertvoller Bodenschatz abgefeiert - ohne zu erklären, dass durch die Verbrennung von Kohle viel schädliches CO2 entsteht. Sogar ein Wortsuchspiel mit dem Titel "Wozu brauchen wir Kohle?" und der detaillierte Aufbau eines Kohlebergwerkes sind enthalten. Doch hier stellt sich die Frage, warum Volksschulkinder überhaupt alles über Kohle lernen müssen? Schließlich hat das letzte Kohlekraftwerk Österreichs vergangenes Jahr seinen Betrieb eingestellt.

In "Meine bunte Welt" widmet sich eine ganze Seite dem Thema Kohle. Erneuerbare Energiequellen werden jedoch nur mit jeweils einem Absatz abgefertigt.

Im dazugehörigen Arbeitsbuch wird weiters dem "Wunderstoff" Erdöl eine Seite gewidmet, samt Bilder-Quiz - ohne die umweltschädlichen Aspekte vom Abbau bis hin zur Verarbeitung zu nennen.

Im Arbeitsteil von "Meine bunte Welt" wird der "Wunderstoff" Erdöl abgefeiert. Ohne jedoch die negativen Aspekte zu erwähnen.

Volksschulkinder im Pelzmantel?

Eine weitere Skurrilität aus "Meine bunte Welt" stellt das Kapitel über Umweltschutz und Müllvermeidung dar. Zum Thema Umweltschutz verstört, dass hier als Beispiel für Umweltschutz als erstes vorgeschlagen wird, dass "wir Kleidung aus Kunstpelz tragen könnten", statt echtem Pelz. Wie viele Volksschulkinder wohl in der Früh mit echtem Nerzmantel in die Schule kommen? Es gäbe wohl viele Beispiele zum Thema Umweltschutz, die etwas näher an der Lebensrealität der Kinder dran wären.

Trägst du noch echten Pelz, oder schon Kunstpelz? In "Meine bunte Welt" werden Kindern überraschende Tipps zum Thema Tier- und Umweltschutz gegeben.

Der Eisbär und die Arktis als Beispiel für Klimakrise? Fehlanzeige!

Auch verwundert in “Meine bunte Welt”, dass das Thema Klimakrise im Kapitel über die Arktis komplett ignoriert wird. Eine ganze Seite wird dem Eisbären und seinem Lebensraum gewidmet - ohne zu erwähnen, dass ihm dieser gerade davon schmilzt. 

 

"Meine bunte Welt" widmet sich dem Eisbären, ohne zu erwähnen, dass sein Lebensraum durch die Klimakrise bedroht ist.

Wie es hingegen gehen kann, das zeigt uns das Schulbuch “Schatzkiste”, dass sehr wohl den Eisbären in Verbindung mit den schmelzenden Polarkappen zeigt, sondern sich dem Thema Klimakrise wirklich ausführlich widmet. Auch wenn es mit Begriffen wie "Erderwärmung" und "Klimawandel" arbeitet, die mittlerweile als verharmlosend in der Kritik stehen.

Das Schulbuch "Schatzkiste" setzt sich hingegen ausführlich mit dem Eisbären und seinem bedrohten Lebensraum auseinander.

Waldsterben und saurer Regen? War das nicht in den 80er Jahren Thema?

Im Buch "Schatzkiste" wird das Thema Umweltschutz und Klimawandel von all den drei Büchern, die wir uns angesehen haben, bestimmt am besten aufgearbeitet. Auch das Thema Regenwald und das Problem der Rodung durch den Menschen wird aufgegriffen.

Einzig verwundert hier das Kapitel über Waldsterben und saureren Regen. In den achtzigern und Anfang der neunziger Jahre war dies ein Problem, da durch die Abgase von Kraftwerken und Autos viel Schwefel in die Luft gelang, der dem Wald durch "sauren Regen" schwer zusetzte. Dieses Problem bekamen die westlichen Industrienationen aber in den Griff. Die größte Gefahr für unsere Wälder geht nun vor allem von der Klimakrise aus: durch Sturmschäden, Trockenheit und Schädlingsbefall.

Im Schulbuch "Schatzkiste" wird das Thema Waldsterben und saurer Regen behandelt. Dieses Problem bestand allerdings in den Achtziger Jahren. Nun wird der Wald vor allem von der Klimakrise bedroht.

Warum das Thema Klimakrise schon in der Volksschule Thema sein sollte

Doch ist es überhaupt wichtig, dass bereits Volksschulkinder mit dem Thema Klimawandel konfrontiert werden? Absolut, ist Helga Kromp-Kolb überzeugt: "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Klimakrise an Volksschulkindern unbemerkt vorbeigeht. Sie hören und sehen Nachrichten, lauschen Gesprächen von Erwachsenen und schnappen viel auf, das sie nicht verarbeiten können. Ich stelle immer wieder fest, dass Kinder alle wichtigen Schlagworte kennen, aber keine Ahnung haben, was sie bedeuten."

Im schlimmsten Fall entwickeln Kinder dann Ängste, die sie sich gar nicht erklären können. Kromp-Kolb wurde einmal von einer Mutter um Hilfe gebeten, deren Tochter sogar jeden Abend weinte, weil es diese unbestimmte Angst vor der Klimakatastrophe hatte. Die Kleine schloss sich dann der Kinderbewegung "Plant for the Planet" an, lernte Fakten über den Klimawandel kennen, hielt Vorträge vor Gleichaltrigen und beteiligte sich an Baumpflanzaktionen - und verlor ihre Ängste, da sie nicht nur die Klimakrise begriff, sondern lernte, dass sie selbst auch aktiv dagegen etwas tun kann.

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