Einfahrt zum MAN-Werk in Steyr

Einfahrtstor zum MAN-Werk in Steyr. Die Übernahme durch Siegfried Wolf ist fixiert. Spätestens mit Ende 2022 wird hier ein anderer Schriftzug stehen. // Foto: Andreas Bachmann

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/ 21. Juni 2021

Investor Siegfried Wolf übernimmt nun doch das MAN-Werk in Steyr. Fix ist damit: Die Lkw-Fabrik bleibt bestehen. Und: Mehr Arbeitsplätze als von Wolf zunächst geplant, bleiben erhalten. Ein Erfolg der Belegschaft. Also alles klar für eine gesicherte Zukunft im Werk? So genau weiß das niemand. Jetzt beginnen erst die harten Verhandlungen darum, wer geht, wer bleibt und zu welchen Bedingungen. Ein Besuch in Steyr.


In Steyr herrscht die Ruhe nach dem Sturm. Es ist einer der heißesten Tage des Jahres bisher. Mittagszeit. Wer kann, ist in den Schatten geflüchtet. Auf der Terrasse des Hotel Minichmayr, da wo der Blick auf die Altstadt Steyr, das Schloss und den Zusammenfluss von Enns und Fluss Steyr besonders schön ist, sitzen zwei Pensionisten beim Achterl Weißwein und plaudern. Natürlich auch über MAN. „Der Wolf hat’s jetzt doch übernommen, hätte ich nicht gedacht“, sagt der eine zum anderen.

In seiner Stimme schwingt Erleichterung mit. Das MAN-Werk ist gerettet. Im oberösterreichischen Steyr geht’s weiter für die derzeit noch rund 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber: Rund 500 von ihnen müssen gehen. Der Rest auf einen Gutteil ihres Lohns verzichten: 15 bis zu 20 Prozent will „der Wolf“, also Investor Siegfried Wolf, demnächst weniger zahlen.

Wolf verlangte noch mehr von der Belegschaft des MAN-Werk

Ein Erfolg für die Beschäftigten ist es dennoch: Denn Wolf verlangte ursprünglich noch mehr von ihnen. Mehr sollten gehen zu schlechteren Konditionen. Die Gehälter sollten um bis zu 30 Prozent gekürzt werden. Die Belegschaft wehrte sich: In einer Urabstimmung stimmte sie im April beinahe mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit gegen Wolfs Angebot, MOMENT berichtete. Wolf besserte nach. Dazu kündigte MAN an, bis Mitte 2023 am Standort produzieren zu wollen. Die Lackiererei bleibt bis 2027.

Die Ruhe nach dem Sturm, es ist auch die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Das MAN-Werk steht nur zehn Gehminuten vom Zentrum der 37.000-Einwohner-Stadt entfernt. Es geht leicht einen Hügel hoch. Inoffiziell heißt er Porscheberg und eine Straße dort heißt auch so:  „Am Porscheberg“. Am Werkstor fahren Lkw ein und aus, bringen Teile und fahren wieder weg. Von der Portierin gibt es einen Laufzettel und einen Besucherausweis.

Die Mitarbeiter wollen wissen: Helmut, was für Projekte kommen da? Ich kann es nicht beantworten.
Helmut Emler, Arbeiterbetriebsrat

Am Gelände stehen Dutzende weiße und rot lackierte Laster, in einer der Werkshallen hat im ersten Stock Helmut Emler sein Büro. Er ist der Chef des Arbeiterbetriebsrats. Kräftige Figur, graue Haare, Bürstenhaarschnitt. Er trägt ein Kurzarmshirt mit Kragen und entschuldigt sich für die Verspätung. Er komme gerade von „der Mannschaft“, sagt er. Denen muss er im Moment viel erklären. „Die wollen wissen: Helmut, was für Projekte kommen da?“

Sein Problem: So richtig beantworten kann er die Frage selbst nicht. Wie wird der Sozialplan aussehen? Wer wird hier demnächst an welchen Fahrzeugen schrauben? Und: Was werden die verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verdienen? Man kann sagen: Wolf ist da, aber nichts ist klar. „Es ist keine einzige Vereinbarung fertig“, sagt Emler.

Am Ende ging der Verkauf des MAN-Werk Steyr ganz schnell

Am Donnerstag vorvergangener Woche wurde die Übernahme des MAN-Werk fixiert, MOMENT berichtete. „Die Art des Verkaufs war überraschend“, sagt Emler jetzt. Er habe gewusst, dass der Investor mit MAN spricht, der Verkauf stattfinden wird. „Um halb drei auf die Nacht, wir kamen gerade aus München, hatten mit dem Betriebsrat dort gesprochen, kam die Nachricht: Es wird passieren, aber es gibt noch Details zu klären.“

Dann ging es sehr schnell. Um die Mittagszeit des nächsten Tages, für den Betriebsrat stand noch ein Gespräch mit Richard von Braunschweig an, dem Geschäftsführer fürs Personal in Steyr, seien sie in einen größeren Besprechungsraum gebeten worden. „Und da ist der neue Eigentümer gesessen“, schildert es Emler.

Der Sozialplan, die Detailvereinbarungen, das muss jetzt ausverhandelt werden.
Josef Kalina, Sprecher von Siegfried Wolf

Auch Josef Kalina, Sprecher von Siegfried Wolf und seiner WSA Beteiligungs GmbH, sagt zu MOMENT: „Der Sozialplan, die Detailvereinbarungen, das muss jetzt ausverhandelt werden.“ Mitte Juli soll es das sogenannte Closing geben, dann werde die Übernahme rechtskräftig. Offiziell darf Wolf bis dahin gar nicht mit der Belegschaft verhandeln.

Wie sieht der Sozialplan aus? Keiner im MAN-Werk weiß es genau

Thomas Kutsam, Vorsitzender des Betriebsrats der Angestellten zum Prozedere: „Wir sprechen nicht mit der WSA direkt, sondern mit einer Beraterfirma“, sagt er zu MOMENT. Wie aber der Sozialplan für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aussehen soll, die gehen müssen, „wissen wir noch nicht. Da wird jetzt über eine Formel verhandelt“, sagt er. Nur: Besser werde er auf jeden Fall. Da sind sich Kutsam und Emler einig.

Wenn die Arbeiter mich sehen, sagen sie: Der hat uns verkauft.
Thomas Kutsam, Angestelltenbetriebsrat

Ansonsten stehen sich, man kann es so sagen, der Betriebsrat von Angestellten und der der schraubenden Belegschaft nicht gerade freundlich gegenüber. „Ich gehe nicht konform mit manchen Dingen“, sagt Kutsam. „Ich weiß, was im Arbeiterbereich passiert, welche Sprüche dort herumgegangen sind. Das war eine Hetze gegen Wolf“, sagt er.

Und: „Wenn die Arbeiter mich sehen, sagen sie: Der hat uns verkauft“, schildert Kutsam. „Dabei hatten wir einen großen Verhandlungserfolg und erreicht, dass sie hier weiter einen Arbeitsplatz haben.“ Emler dagegen betont: „Wir haben immer gesagt, wir verhalten uns neutral. Wir legen die Sachen auf den Tisch und die Mannschaft muss abstimmen.“ Resultat: Die Arbeiterinnen und Arbeiter lehnten Wolf ab, bei den Angestellten war es umgekehrt.

Wolf will in Steyr billige Produkte bauen, mit teurem Personal

Jetzt kommt Wolf eben doch: Der will eher billige Produkte bauen. Auftragsfertigung für die russische GAZ, eine Produktlinie mit eigenen Nutzfahrzeugen, allerdings nicht für den europäischen Markt. Konventionell angetrieben mit Verbrennermotoren. Technik, für die beim Verkauf nicht viel Geld verlangt werden kann. „Und da sehe ich das Problem hier“, sagt Emler. „Unser Lohn- und Gehaltsniveau passt nicht zum Produkt.“

Denn das ist hoch, und aus Emlers Sicht auch völlig zu Recht. „Du musst hier so teuer sein, weil der Mitbewerber so viel bietet“, sagt Emler. „BMW zahlt 3.300 Euro für einen Leiharbeiter, und wir auch. Und wenn der Leiharbeiter das hier nicht mehr bekommt, dann gehen die guten eben dahin“, sagt Emler. Der Autobauer aus Bayern betreibt in Steyr sein weltweit größtes Motorenwerk. Davon, dass es geschlossen werden soll, hört man nichts.

Die Entscheidung von MAN, das Werk zu verlassen, Emler kann sie bis heute nicht nachvollziehen. „Ich hab es oft kommentiert: Große Unternehmen wie MAN brauchen solche Standorte wie Steyr“, sagt er. Besonders bei den neuen Technologien, die natürlich auch im Lkw-Bau Einzug halten: Immer mehr Vernetzung, neue Antriebskonzepte mit Elektromotoren oder Wasserstoff. Da ist viel drinnen - und da kann viel schiefgehen.

Ein Fehler und die billig produzierten Lkw werden teuer für MAN

„Auch wenn man sagt, ich bau den hier nur zusammen. Das sind 25.000 Teile. Die sind nicht wie früher“, erklärt Emler. „Elektronikteile sind so neu, so fehleranfällig, wenn du da keinen Facharbeiter hast, der sofort sieht, Achtung! Da gibt’s ein Problem, dann produzierst du ein halbes Jahr Fahrzeuge und auf einmal kommst du drauf: Die funktionieren nicht“, sagt Emler. Und dann stünden da 16.000 Fahrzeuge, die zwar billig in Polen produziert seien, aber nicht fahren.

„Dann musst du 16.000 Kunden erklären, dass ein Kabel kaputt ist und das neue kommt aber erst in ein paar Monaten.“ Die billiger produzierten Fahrzeuge würden dann teuer für MAN. „Ein Lkw fährt pro Tag 1.000 Euro rein, die musst du denen ersetzen, ganz einfach.“ Da kommen schnell Zehntausende Euro zusammen - pro Fahrzeug. „Das wird so kommen! Da bin ich überzeugt von“, sagt Emler. „Die werden ihr blaues Wunder erleben.“

Wir sind besser als die Autowerke in Wolfsburg und Zwickau. Und wir sind der Standort, der verkauft wird?
Helmut Emler

In Steyr sei diese Gefahr gering: „Wir sind der beste Standort im MAN-Konzern“, sagt er und verweist auf offizielle Qualitätskennzahlen. Die seien für den internen Gebrauch, Details kann er nicht verraten. Jedenfalls könne sich das Werk auch mit den Vorzeigefabriken von MAN-Mutterkonzern VW messen. „Wir sind besser als die Autowerke in Wolfsburg und Zwickau. Und wir sind der Standort, der verkauft wird?“, sagt er kopfschüttelnd.

Eine Strafaktion? Nach dem Nein zu Wolf warf MAN 115 Leute raus

Doch ein Zurück wird es nicht geben: Zwischen MAN und der Belegschaft ist das Tischtuch zerschnitten. „Viele in den Mitarbeitern haben mir klar gesagt: Egal welcher Investor, Hauptsache weg von denen“, sagt Emler. Nachdem die Beschäftigen bei der Urabstimmung gegen das Angebot von Siegfried Wolf gestimmt hatten, warf MAN als erstes 115 Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter raus.

Betriebswirtschaftlich ergab das keinen Sinn, denn die Folge war: Die Produktion im MAN-Werk musste gedrosselt werden, Lieferzeiten für bestellte Lastwagen verlängerten sich. Es wirkte wie eine Strafaktion. Als wollte MAN zeigen, wer hier das Sagen hat.

Der deutsche Konzern kündigte im vergangenen Jahr einen Standortsicherungsvertrag, der betriebsbedingte Kündigungen bis 2030 ausschließen und garantieren sollte: MAN bleibt bis dahin in Steyr. Erst im Jahr davor war der neue Vertrag unterzeichnet worden und plötzlich sollte er nichts mehr wert sein.

MAN kündigte Standortvertrag nur Monate nach Abschluss

Ob die Kündigung des Vertrags rechtens ist? MAN und Siegfried Wolf sagen: Ja natürlich! „Der Vertrag ist gekündigt“, sagt Wolf-Sprecher Kalina, und das zurecht. „Es gibt verschiedene Rechtsgutachten. Die einen sagen ja, die anderen nein“, sagt dagegen Emler. „Am Ende muss ein Gericht entscheiden.“ Und solange gelte der Vertrag. MOMENT berichtete. „MAN und Wolf haben aber auch Respekt vor dem Vertrag“, sagt Emler.

Sicher sein, dass der zu Recht vom Tisch gefegt wurde, könnten sie sich nicht. Aber: Wer auf dem Vertrag besteht, wird ihn wohl einklagen müssen. „Da werden sich nicht viele anschließen“, ist Kalina überzeugt. Und auch Emler sagt: „Da brauchst du einen langen Atem.“ Und wer den Standortsicherungsvertrag einklagen will, der muss vorher erstmal gekündigt werden. „Und Wolf will hier niemanden kündigen“, sagt er.

Jedem Mitarbeiter wird ein Angebot vorgelegt, wo er auf den Standortvertrag verzichtet.
Helmut Emler

Was passieren soll: Die rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Werk mit Ende 2022 verlassen müssen, sollen freiwillig gehen. Mit Sozialvertrag, Altersteilzeit oder mittels einer Bildungsstiftung, die es ihnen erlaubt, sich freistellen zu lassen und fortzubilden. „Wenn sich 500 finden, die gehen, sind alle glücklich“, sagt Emler. Er wolle es nicht auf eine Klage ankommen lassen.

Verkauf des MAN-Werk an Wolf heißt auch: Es bleibt in der Familie

Aber: „Jedem Mitarbeiter wird ein Angebot vorgelegt, wo er auf den Standortvertrag verzichtet“, erklärt Emler. „Auch beim Lohnverzicht: Da steht dann, ich verzichte auf 15 Prozent Lohn und den Standortvertrag.“ Personen, die die Branche kennen, kritisieren schon seit langem: Auf diese Weise können sich MAN und Wolf des lästigen Standortsicherungsvertrags entledigen und Wolf bekäme Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die weniger verdienen und nicht vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt sind.

Am Ende bliebe alles in der Familie. „MAN verkauft jetzt praktisch an den eigenen Schwager“, sagt Emler. Denn Porsche, wo er im Aufsichtsrat sitzt, ist Mehrheitseigner von VW, der Konzernmutter von MAN. Wolf hat bereits als Manager bei GAZ im Auftrag von VW Autos hergestellt. "Die Fahrerkabinen, die wir hier bauen, hat er in seinen russischen Werken seit 2017 in Lizenz gebaut", erklärt Emler.

Der Vertrag wurde bestätigt und drei Monate später soll er nichts mehr wert sein? Was ist denn das für eine Firma?
Helmut Emler

So etwas in Zukunft in Steyr zu machen sei „ein schlüssiges Konzept, das haben wir nie bestritten”, sagt Helmut Emler. Für den Eigentümer MAN „ist das Angebot wohl das beste. Und verkaufen kann MAN immer an den, der für sie der Beste ist”. Sauer ist er dennoch darüber, wie MAN Steyr verlässt und sich aus dem Standortvertrag rauswinden möchte.

Ob Wolfs Plan für Steyr funktioniert, werden die kommenden Jahre zeigen

„Der Vertrag wurde bis zum Vorstand von VW bestätigt, und drei Monate später soll er nichts mehr wert sein?”, sagt er. „Wenn Unterschriften der Vorstände nichts mehr wert sind, musst du überlegen, warum du in so einem Konzern überhaupt noch bist. Dann fragst du dich: Was ist denn das für eine Firma?”

Wie sich dagegen Siegfried Wolf als Chef des MAN-Werk verhält, werden die nächsten Wochen zeigen. Ob sein Konzept für Steyr „fliegen wird”, wie es Helmut Emler formuliert, ob es also funktioniert, wird in den kommenden Jahren sichtbar werden. „Wir werden alles daran setzen, dass es funktioniert”, sagt Emler. Wie die Stimmung im Werk jetzt vor dem Neustart ist? Emler überlegt kurz: „Ich will nicht sagen gut, aber: nicht schlecht.”

 

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