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Gesundheit

Probleme mit Sucht wachsen wegen Corona: Aber Hilfe wurde abgebaut

Probleme mit Sucht wachsen wegen Corona: Aber Hilfe wurde abgebaut
Corona fordert uns auch mental heraus. Bei vielen Menschen fördern die Krise und die Lockdowns Sucht. Manche entwickelten zum ersten Mal ein derartiges Problem, andere fielen in alte Verhaltensmuster zurück. Doch ausgerechnet Suchthilfe-Einrichtungen wurden in der ersten Corona-Welle im Vorjahr sogar geschlossen. Expertinnen befürchten einen dramatischen Anstieg - und warnen vor Einsparungen.

Bernhard* (36) trinkt derzeit abends mindestens eine Flasche Rotwein alleine zu Hause. Er hat schon vor Corona mit einem problematischen Trinkverhalten gekämpft: “In meiner früheren Arbeit hatte ich viel Kundenkontakt. Ich war fast jeden Abend auf einer Veranstaltung. Und sonst war es üblich, Abends mit den KollegInnen anzustoßen.” 

Dann wurde ihm der Führerschein nach einer betrunkenen Fahrt abgenommen. Nach diesem Erlebnis wurde ihm erstmals bewusst, dass er in eine Sucht geschlittert ist. Um den Führerschein zurückzubekommen, musste er den Behörden regelmäßig Blut- und Lebertests vorlegen – so war er direkt zur Abstinenz gezwungen und bekam das Problem in den Griff. 

Corona treibt viele Menschen in die Sucht

Bernhard bespricht seinen Alkoholismus seither mit einer Therapeutin. Doch dann kam Corona. Dazu trennte sich Bernhards Partnerin im Herbst von ihm. Und seither greift er wieder zur Flasche. “Ich bin ein geselliger Mensch, gerne unter Menschen und habe regelmäßig eine Tanzgruppe besucht. Doch ich brauche den Alkohol um zu entspannen. Es ist einfach frustrierend, jeden Abend alleine zu Hause zu sitzen”, erzählt Bernhard.

Alex* (50) ist ebenfalls von der Pandemie frustriert: “Ich kiffe mich jeden Abend zu, weil ich diese permanenten negativen Nachrichten und das ewige Thema Corona einfach nicht mehr ertrage.” Derzeit sind es zwanzig Joints am Tag. In der Ehe kommt es deshalb oft zu Streit. Alex möchte den Konsum nun mindestens auf die Hälfte reduzieren: “Noch hat das Kiffen keine negativen Auswirkungen auf meine Arbeit. Meine Arbeit erfordert volle Konzentration. Aber ich weiß, dass Marihuana das Kurzzeitgedächtnis beeinflussen kann.” Vor Corona war Alex beim Kiffen kontrolliert, oft gab es lange Zeiten ohne. Und Sport war ein wichtiger Ausgleich – doch nun haben die Fitnessstudios geschlossen und Alex geht wegen der Pandemie nicht gerne raus.

Viele Suchtkranke fallen in alte Verhaltensmuster zurück

Bewegung war auch für Christine* (62) wichtig. Sie ging regelmäßig Schwimmen. Doch seit Corona sitzt auch sie zu Hause. Ihre Esssucht wurde wieder schlimmer. “Ich esse dann viel zu viel von allem, aber vorrangig Süßes. Daher habe ich in letzter Zeit extrem zugenommen,” erzählt die Pensionistin. Schon ihr ganzes Leben lang hadert sie mit dem Gewicht, konnte aber vor Corona gut damit umgehen. Doch obwohl sie gute Methoden entwickelt hat, um ihre Esssucht zu kontrollieren, kann sie sich momentan nicht beherrschen. Zusätzlich zur Pandemie setzen ihr viele Krankheits- und Todesfälle im Familien- und Freundeskreis zu. Zwei Freunde starben bereits an einer Corona-Infektion.

Seit Corona weniger Glücksspiel- aber viel mehr Computerspielsüchtige

Bernhard, Alex und Christine haben eines gemeinsam – ihr Suchtverhalten hat sich seit der Pandemie verschlimmert. Es gibt aber auch viele Menschen, bei denen sich Corona diesbezüglich positiv ausgewirkt hat: Wer vor allem gerne in Gesellschaft trinkt, kann das natürlich nicht, wenn die Gastronomiebetriebe geschlossen sind. Auch die Spielsucht ging stark zurück, da einschlägige Lokale geschlossen hatten. Gleichzeitig spielten aber mehr Menschen zu Hause am Computer und entwickelten dort ein Suchtverhalten.

Seit Corona mehr Frauen als Männer von gesteigertem Suchtverhalten betroffen

Im ersten Lockdown vor rund einem Jahr wurde eine repräsentative Befragung unter 6000 Österreichern durchgeführt, die Verhalten untersuchen sollte, das zur Sucht führen kann. Dabei gaben 46 Prozent der Befragten an, die ihren Alkoholkonsum gesteigert hatten. Laut eigener Angabe, weil sie nun einfach mehr Freizeit zur Verfügung hätten. Auch Stress und Belastung wurden häufig als Grund genannt, um mehr zu Trinken und Rauchen. 

Frauen gaben bei der Umfrage wesentlich häufiger an, vermehrt zu Alkohol, Tabak und vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel zu greifen. Männer reduzierten hingegen ihren Alkoholkonsum sogar häufig. Während ältere Menschen ihr Konsumverhalten kaum verändert hatten, berichteten vor allem 40 Prozent der 15- bis 34-jährigen, ihre Rauch- und Trinkgewohnheiten umgestellt zu haben.

Sucht setzt oft zeitverzögert ein – Ausmaß wird erst später sichtbar

Die Umfrage, die im ersten Lockdown entstand, zeigt in vielen Bereichen eher einen Rückgang, als eine Zunahme von Suchtverhalten. Doch diese erste Bestandsaufnahme würde täuschen, erklärt Martin Busch, Abteilungsleiter des Kompetenzzentrums Sucht der Gesundheit Österreich GmbH: “In Krisenzeiten reißen sich viele Menschen erst einmal zusammen. Viele funktionieren so lange sie müssen und merken die psychischen Probleme erst, wenn alles vorbei ist, oder es nicht mehr geht. Wir kennen das: Viele Menschen werden nach einer stressigen beruflichen Phase dann am ersten Urlaubstag krank.”

Es sollen nun Langzeitstudien und regelmäßige Befragungen zum Thema Sucht durchgeführt werden, um die langfristigen Auswirkungen besser abschätzen zu können. 

ExpertInnen rechnen mit Anstieg von Sucht durch Corona

Dass der Bedarf steigen wird, darüber sind sich alle ExpertInnen einig. Vor allem bei schwer kranken SuchtpatientInnen seien schon vor Corona viele durch ihre soziale Situation belastet gewesen, erklärt Gabriele Gottwald-Nathaniel. Sie ist Geschäftsführerin des Anton Proksch Instituts, das als eine der führenden Suchtkliniken Europas gilt: “Wir hatten beispielsweise schon immer viele Arbeitslose unter den SuchtpatientInnen. Da aufgrund der Krise wahrscheinlich noch viel mehr Menschen ihre Arbeit verlieren und in existenzbedrohende Lebenssituationen geraten werden, gehen wir von einer massiven Steigerung von Suchtkranken aus.”

Bereits jetzt würden mehr Angehörige um Hilfe ansuchen – dann da Familien nun mehr Zeit miteinander zu Hause verbringen müssen, wurde bisher unbemerktes oder nicht thematisiertes Suchtverhalten nun erkennbar.

Unterversorgung bei Suchtkranken durch Corona

Die Pandemie setzt also vor allem Menschen mit schwerer Suchterkrankung zu. Doch ausgerechnet hier kam es vor allem im ersten Lockdown zu einer eklatanten Unterversorgung. Im Oktober und November wurden für eine Studie Interviews mit den neun Sucht- und Drogenkoordinatoren der Bundesländer geführt. Das Ergebnis: In sechs Bundesländern wurden während des ersten Lockdowns sogar stationäre Einrichtungen für Suchtkranke geschlossen. Oft wurden diese zu Corona-Stationen umgewandelt – benötigt wurden viele letztendlich jedoch nicht. Darüber hat Moment schon im November berichtet.

Es kam also zu vielen Aufnahmestopps und Therapieabbrüchen bei Suchtkranken. Zwar wurde versucht, die PatientInnen durch verstärkte Sozialarbeit aufzufangen. Doch das habe oftmals nicht funktioniert, erklärt Studienautor Julian Strizek: “Ein plötzlicher Behandlungsabbruch ist bei suchtkranken Patienten freilich nie vorteilhaft. Es kam zu vielen Rückfällen.”

Durch Pandemie ist Beratung und Therapie für Suchtkranke erschwert

Viele Einrichtungen bemühen sich seit der Pandemie, ihre Hilfsangebote so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Etwa durch Online- und Videoberatung oder umfassende Hygienekonzepte. Doch gerade bei psychischer und psychiatrischen Therapien ist der persönliche Kontakt wichtig. Viele Suchtkranke könnten außerdem solche Angebote gar nicht in Anspruch nehmen, erklärt Psychologe Alfred Uhl, Abteilungsleiters des Kompetenzzentrums Sucht: “Sie besitzen zwar in der Regel ein Smartphone, aber dann  mangelt es mitunter an einem Rückzugsort zu Hause, an dem sie ungestört ein therapeutisches Gespräch führen können.” Viele PatientInnen seien gar nicht mehr erreichbar.

Und viele niederschwellige oder tagesstrukturierende Angebote mussten aufgrund der Corona-Maßnahmen vorübergehend ganz geschlossen werden, wie etwa Kontaktcafés, Gruppenaktivitäten, Reintegrationsprogramme für den Arbeitsmarkt oder betreute Wohneinrichtungen. Auch in Schulen können derzeit keine Suchtpräventionsprogramme stattfinden.

ExpertInnen warnen vor Einsparungen bei Therapien und Präventivprogrammen

Für SuchtexpertInnen ist klar: Bereits jetzt kam es zu massiven Kollateralschäden in der Suchtbehandlung und der Suchtprävention. Dabei sei ein umfassendes, ständiges und niederschwelliges Angebot besonders hier enorm wichtig. „Erfahrungen zeigen, dass es oft nur ein kleines Zeitfenster gibt, in dem Betroffene motiviert sind, ihr Verhalten zu ändern. Gerade im Lockdown wollten viele einen Entzug oder eine Abstinenz anstreben,” so Julian Stitzek. Und da viele Angebote nicht verfügbar waren, haben sich wohl viele Zeitfenster wieder geschlossen.

Expertin Gabriele Gottwald-Nathaniel würde sich wünschen, dass Angebote zur Suchtbehandlung angesichts des steigenden Bedarfs ausgebaut werden. Doch sie befürchtet Einsparungen in diesem Bereich: “Diese Pandemie kostet extrem viel Geld. Wir befürchten, dass danach ausgerechnet hier der Rotstift angesetzt wird.”

Der bisherige Umgang mit Suchtkranken zeigt jedenfalls, dass sie auf der Prioritätenliste des Gesundheitssystems nicht an erster Stelle stehen.

 

Hast du selbst ein Suchtproblem und brauchst Hilfe? Oder jemand in deinem Familien- und Bekanntenkreis ist betroffen? Hier findest du eine Auflistung aller bundesweiten Einrichtungen.

 

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