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Klimakrise
Gesundheit

Warum wir viel weniger Fleisch essen müssen, um die Klimakrise in den Griff zu kriegen

Warum wir viel weniger Fleisch essen müssen, um die Klimakrise in den Griff zu kriegen
Die Viehhaltung für Produkte wie Fleisch und Milch sorgt für mehr als die Hälfte der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft. Das ist ein großer Teil der menschengemachten Emissionen, die das Klima schädigen. Dabei tut sich die Landwirtschaft besonders schwer, weniger Treibhausgase zu erzeugen - solange sich nicht ändert, was sie herstellt. Der Weg aus der Klimakrise führt deshalb auch über eine Änderung unserer Ernährung, sagt Nachhaltigkeitsforscher Christian Lauk.

Lauk forscht am Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur in Wien unter anderem zum Thema Klimakrise und Treibhausemissionen der Landwirtschaft. Derzeit ist er am vom Wiener Wissenschafts- und Technologiefonds geförderten Projekt „The Future of Urban Food“ beteiligt. Mit MOMENT.at sprach er über den CO2-Ausstoß, den die Fleisch- und Milchwirtschaft erzeugt – und warum mehr Bio nur ein Teil der Lösung ist.

 
Der Forscher Christian Lauk forscht zum Thema Klimakrise und Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft

Der Forscher Christian Lauk forscht zum Thema Klimakrise und Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft

BOKU

MOMENT: Die Landwirtschaft sorgt für rund ein Zehntel aller Treibhausgasemissionen in Österreich. Trotz aller Bemühungen, diesen Anteil zu verringern, bleiben die Werte seit den neunziger Jahren ziemlich unverändert. Warum ist das so?

Christian Lauk: Zunächst: In den anderen Sektoren sieht es ähnlich aus, im Bereich Verkehr sind die Emissionen seit Anfang der 1990er sogar um 10% gestiegen. Man kann aber schon sagen, dass es im Bereich der Landwirtschaft schwieriger ist, Treibhausgase durch einen technologischen Umbau einzusparen. Das ist darin begründet, dass die Emissionen der Landwirtschaft mit natürlichen Prozessen verbunden sind, also etwa dem Verdauungssystem des Rindes, die man teilweise nur schwer verändern kann.

Deshalb nehmen auch solche Klimaszenarien, die das 2-Grad-Ziel oder gar das 1,5-Grad-Ziel zum Ziel haben, an, dass die Emissionen in der Landwirtschaft bis 2050 wesentlich weniger sinken als in anderen Bereichen. Wenn man insgesamt ein Nullemissionsziel erreichen will, müssen diese verbleibenden Emissionen durch negative Emissionen ausgeglichen werden, indem zum Beispiel Flächen aufgeforstet werden.

 

MOMENT: Woher kommen die Treibhausgase in der Landwirtschaft überhaupt?

Lauk: Mehr als die Hälfte der Treibhausemission in der Landwirtschaft stammt von der Viehhaltung und hier insbesondere den Rindern, die bei der Verdauung von Grünfutter Methangas produzieren. Auch der unweigerlich anfallende und teilweise auch wertvolle Tierdung belastet das Klima. Denn der produziert während seiner Lagerung und Ausbringung auf den Feldern durch mikrobiologische Prozesse klimaschädliches Lachgas und ebenfalls Methan. Und dann verwendet die konventionelle Landwirtschaft noch synthetischen Stickstoffdünger, bei dessen Herstellung CO2 und dessen Verwendung Lachgas entsteht. Außerdem kommen bei der Arbeit am Feld fossile Brennstoffe zum Einsatz, beispielsweise um die Traktoren und Erntegeräte anzutreiben.

 

MOMENT: Und diese vielen Methangase, die durch die Rinderzucht entstehen, können nicht gebunden oder aus der Luft gefiltert werden?

Lauk: Nur zu einem kleinen Teil. Das Methangas, das bei der Lagerung von Tierdung entsteht, kann prinzipiell als Biogas genutzt werden. Das passiert zum Teil auch schon, doch weil der Aufbau der entsprechenden Infrastruktur sich wirtschaftlich oft nicht rentiert, bislang nur in einem kleinen Ausmaß.

Im Bereich der Rinderhaltung wird viel dazu geforscht, wie man durch Futtermittelzusätze die besonders ins Gewicht fallenden Methangasemissionen der Rinder reduzieren kann. So gibt es etwa Studien, die zeigen, dass die Zufütterung von bestimmten Seegras-Arten die Methanproduktion in den Rindermägen drastisch verringert. Das ist aber alles noch sehr in den Kinderschuhen und es ist umstritten, ob das in großem Maßstab anwendbar ist. Es lohnt sich aber, solchen Ansätzen weiter nachzugehen.

 

MOMENT: Zusammengefasst: Die Nutztierhaltung produziert viel Treibhausgase, die wir technisch zumindest noch nicht vermeiden können. Obwohl ÖsterreicherInnen sehr viel Fleisch essen, erzeugt Österreich sogar mehr Fleisch, als es selbst verbraucht. Wir exportieren das. Sollte nicht einfach weniger produziert werden?

Lauk: Es stimmt, dass Emissionen vermieden werden könnten, indem weniger Tierprodukte, vor allem Rindfleisch und Milch, erzeugt werden. Ein solcher Rückgang der Produktionsmengen stellt aber im gegenwärtigen System die ProduzentInnen vor große Probleme und könnte für noch mehr landwirtschaftliche Höfe das Aus bedeuten. Auch deshalb gibt es dagegen verständlicherweise politischen Widerstand. Trotzdem glaube ich, wir werden um eine Ernährungsumstellung nicht herumkommen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Um endlich eine Verbesserung der Treibausgasbilanz in der Landwirtschaft zu erreichen, muss sich das gesamte Ernährungssystem ändern. Das heißt insbesondere, wir müssen weniger Fleisch und Milchprodukte essen.

 

MOMENT: Wie kommen wir dorthin?

Lauk: Man müsste hier wohl an vielen Punkten ansetzen. Beispielsweise einer Änderung der Aus- und Fortbildung von KöchInnen, hin zu mehr Fokus auf vegetarische und vegane Gerichte. Es ist ja absurd, dass noch immer nur Lokale mit – eher fleischlastiger – österreichischer Küche überhaupt Lehrlinge ausbilden dürfen. Öffentliche Küchen, etwa von Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen, sollten einen größeren Fokus auf gute vegetarische und vegane Gerichte legen. Schulen könnten – auch fleischloses – Kochen zu einem größeren Thema machen.

Oft ist auch von „Bewusstseinsänderung“ oder auch „Kulturwandel“ die Rede, hin zu einer anderen Ernährung mit weniger Fleisch. Ein solcher Bewusstseinswandel ist kaum zu verordnen, mein Eindruck ist aber, dass da bereits viel passiert, gerade bei jüngeren Leuten. Eine weitere konkrete Maßnahme mit doppeltem Nutzen wäre, die Standards in der Tierhaltung deutlich zu verbessern. Damit würde es nicht nur den Tieren besser gehen, sondern Fleisch würde auch mehr kosten. Das wirft allerdings eine soziale Frage auf.

 

Allerdings zeigt sich, dass das ein politisch heißes Eisen ist. Denn besonders bei der Ernährung geht es auch immer in einen Bereich, den viele als ihre ganz individuelle Freiheit betrachten. Die SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner polemisierte etwa im letzten Nationalratswahlkampf auf Twitter: „Das Schnitzel darf nicht zum Luxus werden!“. Aber: Der Fleischkonsum muss nicht nur vor dem Hintergrund der Klimakrise runter, es hat auch einen gesundheitlichen Aspekt. Laut Empfehlungen der österreichischen Gesellschaft für Ernährung sollte nur ein Drittel der Menge an Fleisch konsumiert werden, die derzeit durchschnittlich gegessen wird.

 

MOMENT: Wie könnte die Politik dafür sorgen, dass die Landwirtschaft weniger Fleisch produziert?

Lauk: Landwirte müssten ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften können, auch wenn sie weniger als heute produzieren. Ein Bauer, der einen relativ geringen Betrag pro Schwein bekommt, weil das Schweinefleisch im Supermarkt so billig ist, ist eben dazu gezwungen, eine enorme Menge zu verkaufen, wenn er nicht irgendeine Nische findet. Das ist derzeit auch so bei den Milchbauern: Sie müssen Unmengen an Milch produzieren, um bei diesem geringen Preis überleben zu können. Dazu führt letztlich die Konkurrenz der Supermärkte um den niedrigsten Preis.

Neue Fördermodelle spielen bei einem solchen Umbau sicherlich eine Rolle. Ein interessanter Ansatz sind alternative Lebensmittelnetzwerke wie Food Coops oder Direktvermarktung, die den konventionellen Handel umgehen.  Auch eine Besteuerung von Tierprodukten wurde schon vorgeschlagen, da bin ich aber eher skeptisch, weil das primär den ärmeren Teil der Bevölkerung treffen würde.

 

MOMENT: Also sollten wir die gesamte Landwirtschaft auf Bio umstellen?

Lauk: Es gibt gute Gründe für mehr Bio: Das Ziel der Kreislaufwirtschaft, die Verbesserung der Böden, die größere biologische Vielfalt oder die artgerechtere Tierhaltung. Auch bei der Klimabilanz ist es so, dass Bioprodukte in der Regel etwas besser abschneiden, vor allem weil Bio keine synthetisch hergestellten Pestizide und Düngemittel einsetzt und die Bio-Böden mehr Kohlenstoff speichern.

Bio allein reicht aber nicht aus, um die Treibhausgase in der Landwirtschaft so stark zu reduzieren, wie es vor dem Hintergrund der Klimakrise notwendig wäre. Zudem hat Bio niedrigere Flächenerträge und die Tiere sind etwas weniger effizient bei der Umwandlung von Futtermitteln in Produkte, das heißt man braucht für die gleiche Menge Erzeugnis mehr Flächen. Deshalb macht gerade eine Umstellung auf Bio vor allem dann Sinn, wenn sie einhergeht mit einer Änderung der Ernährung hin zu weniger Fleisch.

 

MOMENT: Aber muss sich die Landwirtschaft nicht generell ändern, um überhaupt gegen die Klimakrise bestehen zu können?

Lauk: Die Landwirtschaft steht angesichts der Klimakrise vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits muss sie ihre Produktionsweise so ändern, dass sie weniger Treibhausgase erzeugt. Gleichzeitig muss sie sich so gut es geht an die veränderten Klimabedingungen anpassen. Schon jetzt beginnen die LandwirtInnen in vielen Gegenden zu spüren, dass es heißer und trockener wird, die Niederschläge ungünstiger übers Jahr verteilt sind. Der Schädlingsdruck nimmt deshalb tendenziell zu. Die Anpassung daran muss auf vielen Ebenen passieren, von einer verbesserten Bearbeitung der Böden, über die Züchtung besser angepasster Pflanzensorten, hin zum Ausbau der künstlichen Bewässerung. Zu dem Thema wissen aber andere Menschen mehr als ich.

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