Klimakrise
Demokratie
Kapitalismus

Die RCP8.5-Lüge: Wie rechte Thinktanks und Medien uns täuschen wollen

Das sogenannte RCP 8.5-Szenario wird aus dem Weltklimabericht gestrichen. Es galt seit 2010 als eine Art Worst Case der Klimakatastrophe. Rechte Thinktanks und Medien versuchen nun mit haarsträbeunden Argumenten, Stimmung gegen Klimapolitik zu machen. Leonhard Dobusch erklärt.

Der Weltklimarat wird ein absolutes Horror-Szenario aus seinem nächsten Bericht streichen. Ist die Klimakrise also abgesagt? Würde es stimmen, wäre das ein Grund zur Freude. Nur tut es das leider nicht. Es ist nicht einmal eine wirklich gute Nachricht. Aber die Fossil-Lobby versucht es uns einzureden. Und viele Medien spielen eifrig mit. Also zu den Fakten - und wie und wieso sie verdreht werden.


Das könnte dir auch interessieren

Vor einigen Wochen ging die Debatte los. Ein Team von Wissenschaftler:innen verkündete in einem Paper, das sogenannte “RCP 8.5” Szenario sei nicht mehr plausibel. Es werde deshalb aus dem nächsten Weltklimabericht gestrichen. Ich komme gleich noch dazu, was das bedeutet, aber wenn man sich ansieht, was manche Medien daraus gemacht haben, könnte man meinen: Alles gut. Jahrelang haben wir uns umsonst Sorgen gemacht und völlig umsonst für eine saubere Umwelt gearbeitet.

Aber das ist natürlich Blödsinn. Abgesehen von all den anderen Vorteilen, die Umwelt- und Klimapolitik bringt. Es herrscht kein Zweifel daran, dass unsere fossil-kapitalistische Wirtschaftsweise zu einer Erhitzung unserer Erde geführt hat und weiter führt. Um das zu begrenzen, müssen wir schnellstens raus aus Öl, Erdgas und Kohle.

Warum gibt es Klima-Szenarien?

Gleichzeitig kann niemand exakt wissen, wie sich diese Erderhitzung ganz konkret auswirken wird. Zu komplex und dynamisch sind die Wechselwirkungen verschieder Faktoren untereinander. Außerdem wissen wir natürlich heute noch nicht, wie stark Politik und Wirtschaft den Kurs ändern. 

Deshalb arbeiten Klimawissenschaftler:innen schon immer mit Szenarien. In manchen verringert die Menschheit die Treibhausgase stark. In anderen weniger. Und in manchen werden unkontrollierbare Folgen früher ausgelöst - sogenannte Kipppunkte. In anderen später oder gar nicht. 

Wann werden Kipppunkte ausgelöst?

So ist das, wenn man mit komplexen Systemen arbeitet. Man weiß natürlich, wie das alles grundlegend funktioniert. Erreichen Treibhausgase die Athmosphäre, erhöht das den Strahlungsantrieb und es wird wärmer. Wenn es wärmer wird, taut ab irgendeinem Punkt zum Beispiel der Permafrost auf, schmelzen die Gletscher an den Polen oder bremst die Strömung im Atlantik. Und so weiter und so fort.

Aber es gibt einen gewissen Spielraum, wann genau was passiert. Je weiter wir auf dem Pfad der Erderhitzung vorangeschritten sind, umso besser können wir erkennen, welches vorhergesagte Szenario am besten zu den tatsächlichen Temperatur- und Klimaänderungen passt.


Das könnte dir auch interessieren

Zum Beispiel wussten wir vor zehn Jahren noch nicht, wie rasant sich die Technologie und Wirtschaftlichkeit von Solarstromerzeugung verbessern würde. So hatte die Internationale Energieagentur IEA Jahr um Jahr wieder ein Abflachen der Wachstum von Photovoltaik vorhergesagt. Jahr für Jahr hat das Wachstum jedoch weiter zugelegt. Für den Fortschritt im Bereich Batterietechnologie gilt ähnliches.

Auch die besten Szenarien sind nicht mehr plausibel

Diese erfreulichen Entwicklungen reichen leider bei weitem nicht aus, um die Erderhitzung unter dem Ziel des Pariser Klima-Abkommens von maximal 1,5 Grad Erwärmung zu halten. Dafür wären viel weitreichendere, politische Maßnahmen notwendig.

Wobei hier eigentlich bereits Vergangenheitsform angemessen ist: dafür wären viel weitereichendere, politische Maßnahmen notwendig gewesen. Das 1,5-Grad-Ziel gilt inzwischen als unerreichbar, auch das 2-Grad-Ziel mit seinen bereits katastrophalen Auswirkungen zu erreichen, wird immer unrealistischer.

Warum ist das RCP 8.5-Szenario nicht mehr plausibel?

Allerdings hat der Photovoltaik-Boom zumindest dafür gesorgt, dass das schlechteste der von Klimaforscher:innen berechnete Szenario ebenfalls immer unrealistischer geworden ist. Schon seit einigen Jahren wird das sogenannte RCP8.5-Szenario deshalb in wissenschaftlichen Debatten als unwahrscheinlich angesehen, im Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC von 2021 ist schon von einem Szenario mit “geringer Wahrscheinlichkeit” die Rede.

Ein Anfang April diesen Jahres erschienener Artikel von führenden Klimaforscher:innen, der ebendieses Szenario RCP8.5 nicht mehr berücksichtigt, ist deshalb weder überraschend, noch ein Beleg für wissenschaftliche Fehler oder Schwächen in der Vergangenheit. Es ist die bereits lange absehbare Folge von neuen Daten und Informationen, die wir in den letzten mehr als zehn Jahren gesammelt haben - und damit auch ein Ergebnis der bislang gesetzten Maßnahmen, um die Erderhitzung einzudämmen. 

Auch andere Szenarien wären Horror

Das alles heißt noch nicht einmal, dass das wirklich ausreicht, um absolute Horror-Szenarien zu verhindern. Das RCP 8.5-Szenario ist das Szenario, in dem die Menschheit am meisten Treibhausgase ausstößt.

Weil sie zum Beispiel weiter ungebremst Kohlekraftwerke baut. Die bauen wir zwar wirklich noch, aber weniger als im unverantwortlichsten Szenario zu befürchten war. Demnach hätte die Welt sich deshalb bis 2100 um 2,6 bis 4,8 Grad erhitzt. (Wohlgemerkt: 2100 hört die Erderhitzung auch nicht einfach auf.) Aber das RCP 8.5 ist nicht das einzige Szenario, in dem die Temperaturen so weit klettern, dass die Menschheit in eine Katastrophe stürzt.

Mehr Erderhitzung auch mit weniger Ausstoß möglich

Das RCP6-Szenario - da stößt die Menschheit viel zu spät, aber zumindest ab 2080 endlich weniger Treibhausgase aus - reicht zum Beispiel auch in diesen Temperaturbereich hinein. Aber innerhalb dieses Bereichs werden die meisten Kipppunkte ziemlich sicher überschritten, mit denen die Erderhitzung sich selbstständig macht.

Es ist also möglich, ohne den schlimmsten menschengemachten Ausstoß trotzdem in unerträgliche Erderhitzung zu kommen.

Hungersnötte, Dürren, Wetterextreme und daraus resultierende Todesfälle, Konflikte und Kriege gibt es außerdem nicht erst bei  fast 5 Grad Erderhitzung oder mehr, sondern schon viel früher - nämlich eben in dem Bereich, auf den wir immer noch zusteuern. 

Woher kommt die Desinformation über RCP8.5?

Es gibt also nichts wirklich bahnbrechend Neues an der Klimafront. Weiterhin gilt: jedes Zehntelgrad weniger Erderhitzung zählt. Kein Breaking-News-Alarm notwending. Trotzdem ist in den letzten Wochen genau das passiert. 

Dankenswerterweise hat der Klimajournalist Christian Stöcker in seiner Spiegel-Kolumne recherchiert, wie es dazu gekommen ist - und damit einen weiteren Beleg für das erfolgreiche Zusammenspiel von neoliberalen Klimaleugnungs-Think-Tanks und rechten Propagandamedien geliefert. 

Ausgangspunkt: Rechter Thinktank

Denn erst einige Wochen nach Erscheinen des wissenschaftlichen Artikels ohne das Extrem-Szenario machte ein notorischer Leugner des Klimawandels auf einem Blog  des seriös klingenden “American Enterprise Institute” daraus wortwörtlich “Big News”

Was man über das “American Enterprise Institute” wissen muss, fasst Christian Stöcker in seiner Analyse wie folgt zusammen:

“Das AEI ist einer jener neoliberalen Thinktanks, die seit Jahren aggressiv Stimmung gegen jede Form von Klimaschutz machen. Es hat dem Investigativportal »Desmog« zufolge über die Jahre viele, viele Millionen US-Dollar an Spenden von den üblichen Verdächtigen der organisierten Klima-Desinformation bekommen. […] Kurz: Das AEI ist eine tragende Säule im Propagandanetzwerk der Öl- und Gasbranche.”

Doch wie gelangt so ein Spin von einem Blog eines Think Tanks, von dem die allermeisten noch nie etwas gehört haben, auch in traditionellen Medien? Das funktioniert häufig nach demselben Muster: Zuerst greifen rechtsextreme Propagandamedien den Spin solcher Think Tanks auf und spitzen mit aufgeregten Headlines noch etwas mehr zu. Im Fall des Klima-Szenarios haben diesen Job unter anderem das millionärsfinanzierte Propagandaportal Nius und dessen österreichisches Tochter-Medium Exxpress erledigt.

Über Botschafter in den Mainstream

Das alleine würde noch nicht reichen, um damit in den Mainstream-Diskurs vorzudringen. Dafür braucht es noch einen weiteren Schritt: Propaganda-Botschafter:innen, die auch in traditionellen Medien als “relevant” eingestuft werden und den Spin von Rechtsaußen in den medialen Mainstream transferieren.

Der größte und wichtigste von ihnen allen ist natürlich Donald Trump himself. Das gilt auch im Fall des verworfenen Klima-Szenarios. Zunächst über seine eigenes Social-Netzwerk und dann noch einmal über den offiziellen X-Kanal des Weißen Hauses nahm Trump die Fossil-Propaganda zum Anlass, um in vulgären Worten abstruse Behauptungen zu vermeintlich falschem “Klima-Alarmismus” zu verbreiten.

Mit Unsinn gegen Klimaschutz

In den deutschen Klimadiskurs eingespeist hat den Spin des American Enterprise Institute mit “Republic21” ein weiterer, rechtskonservativen Think Tank. Dessen Vize-Leiterin Kristina Schröder ist eine deutsche Ex-Familienministerin aus der CDU. Sie darf in der “Welt” darüber einen Gastbeitrag schreiben. Im rechtspopulistischen Axel-Springer-Medium hinterfragt sie dabei gleich die mühsam ausverhandelten Klimaziele überhaupt. Auch sie verbreitet den Mythos, dass ein “Klima-Horrorszenario” “nun als falsch enttarnt” worden wäre. 

Dabei ist es genau umgekehrt: erfreulicherweise haben Photovoltaik-Boom und Klimapolitik zumindest das allerschlimmste Szenario abgewendet. Nicht, weil es “falsch” gewesen wäre, sondern weil - zum Glück! - die zugrundeliegenden Annahmen nicht eingetreten sind. Das konnte aber vorab, bei Erstellung des Szenarios, niemand mit Sicherheit vorhersehen. Genau deshalb arbeiten Klimaforscher:innen ja mit Szenarien: damit Politik und Wirtschaft rechtzeitig gegensteuern können, bevor der Planet unbewohnbar geworden ist.

Jetzt an den Klimazielen zu rütteln wäre deshalb völlig verfehlt. Zwar ist das schlimmste Szenario in Sachen Ausstoß von Treibhausgasen nicht eingetreten, das beste Szenario von weniger als 1,5 Grad Erderhitzung allerdings ebenfalls nicht. Die aktuell wieder laufend vermeldeten Hitzerekorde sprechen eine deutliche Sprache. Erderhitzung von mehr als 2 Grad und damit Zunahme von Extremwetterereignissen, Anstieg des Meeresspiegels, Hungersnöte, Klimaflüchtlingswellen und Verbreitung von Krankheiten sind schon traurige Gewissheit. 

Die derzeitige Klimapolitik endet katastrophal

Bei Fortführung der aktuellen Klimapolitik droht ein Anstieg auf über 3 Grad oder mehr. Das hätte Folgen, mit denen die Menschheit nicht mehr ohne enormes Leid und radikale Wohlstandsverluste umgehen könnte. Es bräuchte also noch mehr Anstrengungen und ambitioniertere Maßnahmen, um es nicht so weit kommen zu lassen. 

Der aktuelle Backlash gegen die Energiewende in Deutschland, die Abkehr vom Verbrenner-Aus auf europäischer Ebene und der Kampf der USA gegen jede Form von erneuerbarer Energie von Windparks bis Solar weisen jedoch in eine andere Richtung.

Umso wichtiger ist es, den Propaganda-Strategien der Fossil-Lobby mit ihren Think Tanks und willfährigen Unterstützer:innen Medien offensiv entgegenzutreten. Teile diesen Beitrag mit deiner Familie, Freund:innen und Bekannten, um einen Beitrag leisten.


Das könnte dir auch gefallen