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Klimakrise: "Wir können nicht mehr alles retten, aber wir können noch sehr viel Wertvolles bewahren"

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/ 27. Juli 2021

Die Klimakrise ist da. Und sie muss bekämpft werden. Darin sind sich nahezu alle einig. Darüber wie das aussehen soll, nicht. Bundeskanzler Sebastian Kurz ist der Meinung, es sei kein Verzicht notwendig, auch nicht im Bereich Verkehr. Journalistin Sara Schurmann beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Krise und dachte lange ähnlich: „Das kriegen wir schon hin.“ Heute sieht sie das anders und ruft auch andere Journalist:innen dazu auf, die Klimakrise ernst zu nehmen und angemessen über sie zu berichten.

Mit MOMENT hat Sara Schurmann darüber gesprochen, warum eine beschwichtigende Argumentation wie von Bundeskanzler Kurz gefährlich ist und was ihr selbst die Augen geöffnet hat.

Sara Schurmann arbeitet seit zehn Jahren als Journalistin, dabei auch als Redaktionsleiterin und Textchefin. Sie war unter anderem tätig für den Tagesspiegel, Gruner+Jahr, Vice und Zeit Online. Zuletzt war sie Redaktionsleiterin des Klima- und Nachhaltigkeitsformates OZON von funk.

Foto: Rebecca Ruetten

 

 

MOMENT: Im September 2020 hast du in einem offenen Brief Journalist:innen aufgerufen, die Klimakrise ernst zu nehmen. Was hat dich dazu bewogen?

Sara Schurmann: Mir ist selbst tatsächlich noch nicht so lange bewusst, wie akut die Klimakrise ist. Es hat mich total überrascht, als mir das klar wurde, weil ich mich vorher schon zwei, drei Jahre wirklich viel damit beschäftigt habe und ich alle möglichen grundlegenden Zahlen und Fakten kannte. Trotzdem hatte ich lange den Eindruck, dass es frühestens meine Enkelkinder sein werden, die hart von der Klimakrise getroffen werden. Dass wir ja noch bis 2050 - diese magische Zahl, die immer geäußert wird - Zeit haben, das Problem zu lösen. Ich dachte mir, dass wir vielleicht ein bisschen spät dran sind, aber dass wir das schon schaffen werden. Es wäre ja irgendwie Quatsch, unsere Welt und unsere Lebensgrundlage zu zerstören. Das ist ja eigentlich für niemanden sinnvoll. Erst vor einem Jahr wurde mir bewusst, dass wir viel weniger Zeit haben als 2050.

 

MOMENT: Was hat dieses Umdenken bei dir ausgelöst?

Schurmann: Das wurde mir unter anderem durch die Verhandlungen zum EU-Corona-Finanzpaket bewusst. Als es darum ging, wie man die Wirtschaft nach der Coronakrise wieder stärken kann. Da war recht schnell klar, wenn wir dieses Finanzpaket nicht komplett für eine grüne Transformation nutzen, heizen wir damit wieder die CO2-Emissionen an. Als dann dieses Paket verabschiedet wurde, gab es in allen großen Medien Artikel darüber, wie toll es ist, dass wir das so schnell hinbekommen haben. Dass es historisch einmalig ist, dass die EU gemeinsam Schulden aufnimmt. Ganz toll. Und am Ende der Artikel war meist zu lesen, dass es ein bisschen schade sei, dass die Gelder für das Klima so zusammengestrichen wurden. Da wurde mir klar, wenn wir das hier nicht mitgedacht haben, dass wir in den kommenden Jahren die Emissionen drastisch reduzieren müssen, dann wird das auch an vielen anderen Punkten nicht mitgedacht.

 

MOMENT: Du sagst, dass es lange gebraucht hat, bis du den Ernst der Situation erkannt hast. Wann hat es bei dir Klick gemacht?

Schurmann: Da kamen ein paar Sachen zusammen. Es gab einen Brief von Fridays for Future, der für mich gefühlt zum ersten Mal einen härteren Ton hatte. Darüber habe ich mich ehrlich gesagt ein bisschen gewundert, aber inhaltlich musste ich dem weitestgehend zustimmen. Auf Twitter folge ich außerdem einem Meteorologen aus den USA und einem Klimawissenschaftler, die beide sehr emotional zur Klimakrise kommunizieren. An einem Tag haben beide geschrieben, dass sie jeden einzelnen Tag darüber schockiert sind, in welcher Lage wir sind und wie wir damit umgehen. Da dachte ich mir, dass ich mich zwar schon sehr viel damit beschäftige und mein Leben möglichst nachhaltig gestalte, aber ich konnte nicht behaupten, dass ich jeden Tag schockiert bin. Die beiden kannten sich aber ja viel besser aus als ich. Also habe ich mich gefragt, was ich denn verpasst habe. Das war ein Punkt, an dem es begonnen hat zu arbeiten und dann kamen die Artikel über das Finanzpaket.

 

MOMENT: Was würdest du sagen: Wie kann man den Leuten vermitteln, dass der Hut brennt?

Schurmann: Es braucht eine Verbindung aus Emotionen und Fakten. Wir müssen versuchen, eine zeitliche und eine räumliche Nähe herzustellen. Das haben die Hochwasserkatastrophen nun für uns gemacht. Es wäre mir wahnsinnig lieb gewesen, wenn es so etwas nicht gebraucht hätte. Aber es zeigt halt sehr gut, dass niemand sicher ist in der Klimakrise und das kam vorher bei vielen nicht so an.

 

MOMENT: Dein offener Brief richtet sich ja vor allem an deine Kolleg:innen im Journalismus. Inwieweit muss sich hier auch Journalismus ändern?

Schurmann: Ein guter Beitrag, der einem klarmacht, wie akut die Situation ist, braucht meiner Meinung nach drei Komponenten. Fehlt eine, kann man das Beschriebene oft weiterhin als reine Szenarien oder nicht änderbar abtun und verdrängen. Das erste ist die Situation heute, möglichst ein "Bigger Picture", ein Gesamtbild. Nicht nur zeigen, dass es hier eine Dürre gibt, sondern die Dürre, das Niedrigwasser, die austrocknenden Seen usw. in einen Zusammenhang bringen. Es geht darum zu zeigen, dass es nicht nur ein singuläres Ereignis ist. Die zweite Komponente ist, aufzeigen, dass es noch schlimmer wird, wenn wir nichts tun. Wie schnell das kommt, haben die meisten noch nicht begriffen. Die dritte Komponente ist, was wir tun können. Was sind realistische Lösungsmöglichkeiten und was ist ein positives Zukunftsbild? Denn ohne eine Handlungsmöglichkeit kann einen die Wucht der Krise emotional lähmen.

 

MOMENT: Es gibt eben die große Gefahr, die Menschen zu entmutigen. Wie lässt sich das verhindern?

Schurmann: Genau deshalb braucht es konstruktiven Journalismus, der Lösungen aufzeigt. Das halte ich für sehr zentral. Ich habe das Gefühl, dass das eine Zeit lang eher belächelt wurde, ehrlich gesagt auch von mir. Erst im letzten Jahr wurde mir bewusst, nicht nur wie groß diese Krise ist, sondern wie schwierig sie auch emotional für jede:n Einzelne:n ist. Wir müssten über die Klimakrise genauso intensiv berichten wie über die Coronakrise. Wenn wir das tun würden, in derselben Intensität und Art und Weise, dann hätten wir, glaube ich, ein emotionales gesellschaftliches Problem, da sind die Querdenker nichts dagegen. Deshalb ist dieser konstruktive Ansatz so zentral.

 

MOMENT: Warum ist es so wichtig, dass intensiver über die Klimakrise berichtet wird?

Schurmann: Weil die Klimakrise alles und jede:n betrifft. Und auch wenn das heute noch nicht für alle ersichtlich ist. In den westlich-nördlichen privilegierten Industrieländern, wird das sehr bald der Fall sein. Die Wissenschaft sagt, wir haben grob bis 2030 Zeit, um dieses Blatt noch zu wenden und vielleicht noch das 1,5 Grad-Limit einzuhalten. Im Moment stehen die Chancen aber ziemlich schlecht. Das heißt nicht, dass es unmöglich ist und das heißt vor allem nicht, dass wir es nicht versuchen sollten. Dafür muss aber erst einmal mehr Menschen klar sein, wie wenig Zeit wir nur mehr haben, um das noch hinzubekommen und wie groß die Veränderungen sein müssen.

Viele denken immer noch, dass wir mit 100 Prozent erneuerbarer Energien und ein paar Elektroautos schon irgendwie durchkommen. Aber wir brauchen eine ernsthafte Wende in den Bereichen Energie, Agrar, Ernährung, Bauen und Heizen. Wir müssen auch darüber reden, dass wir Dinge weniger machen müssen. Wir müssen Energie einsparen und dafür müssen wir uns überlegen, ob wir manche Dinge vielleicht nicht mehr brauchen.

 

MOMENT: Das hat dann aber auch mit unserer Wirtschaftsweise zu tun.

Schurmann: Ich bin überzeugt, unser ganzes Wirtschaftssystem wird recht anders aussehen, wenn wir fertig sind mit dieser Transformation. Die Klimakrise ist ein strukturelles Problem und im Moment leben wir mit Strukturen, die die Klimakrise weiter befeuern. Das heißt, alle politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen, die wir heute treffen, sind auch Entscheidungen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Deswegen ist es zentral, dass wir heute alle Entscheidungen möglichst so treffen, dass sie die Klimakrise bremsen und sie nicht weiter befeuern. Das ist im öffentlichen Diskurs überhaupt nicht angekommen.

Es ist auf jeden Fall ein Problem, dass wir so wahnsinnig auf Wachstum fixiert sind. Ich bin keine Wirtschaftsexpertin und auch keine Kapitalismusexpertin. Der Punkt ist jedoch der: Solange wir ein stetiges Wirtschaftswachstum haben, werden wir auch ein stetiges Wachstum an Ressourcenverbrauch haben. Selbst wenn der Emissionsausstoß und Wachstum entkoppelt werden kann, was manche behaupten, ist es dennoch nicht die Lösung. Wir haben ja noch andere ökologische Krisen.

Wenn wir unbedingt beim Wachstumsbegriff bleiben wollen, dann sollten wir uns fragen, was denn wachsen soll. Das können ja auch andere Werte sein als das BIP.  Wir müssen uns fragen, was uns wirklich wichtig ist.

 

MOMENT: Glaubst du, dass wir es schaffen werden, die Klimakrise zu stoppen?

Schurmann: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir es versuchen müssen und die besten Chancen sind jetzt. Dafür brauchen wir nichts weniger als eine Art friedliche Revolution, um noch irgendwo in der Nähe von 1,5 Grad zu landen. Im Moment ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir das schaffen. Aber wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass wir noch sehr viel retten können, dann würde ich mich auch nicht so engagieren. Dann würde ich noch ein paar Jahre Party machen und das Leben genießen und zuschauen, wie wir uns die Zukunft versauen. Aber ich bin fest überzeugt, dass wir alles noch zum Guten wenden können. Wir können nicht mehr alles retten, aber wir können noch sehr, sehr viel Wertvolles bewahren und unsere Gesellschaft zum Positiven weiterentwickeln.

 

MOMENT: Was kann denn jede:r Einzelne beitragen und tun, damit wir das noch schaffen?

Schurmann: Das ist gar keine einfache Frage und gleichzeitig ist sie sehr wichtig. Denn Menschen, die verstanden haben, wie akut das Problem ist, wollen oft etwas tun. Einerseits, um eben etwas beizutragen, aber auch, um damit besser umgehen zu können. Die Antwort ist nicht nur verpackungsfrei einzukaufen und Fahrrad fahren, obwohl das auch schon ein Anfang ist. Aber da darf es nicht aufhören, denn das wird die Welt nicht retten. Zentraler ist es, dass jede:r etwa im Beruf, wenn er oder sie einer Lohnarbeit nachgeht, in der Gemeinde oder im eigenen Verein etwas verändern kann. Man kann sich mit anderen Interessierten zusammentun und fragen, wie können wir uns ernsthaft nachhaltig aufstellen? Ansonsten tatsächlich auf Demos gehen oder mit den Großeltern darüber sprechen, wen sie wählen. Alle möglichen Arten von politischem Wirken sind zentral. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir es nicht schaffen werden, unsere Lebensgrundlagen zu sichern, wenn nicht genug Menschen es aktiv einfordern.

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