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Klimakrise

Bernhard Strehl: Ein Klimakrisen-Verleugner, der keiner sein möchte

Foto: Screenshot/YouTube
Er glaubt nicht an den menschengemachten Klimawandel. Als Klimakrisen-Verleugner will er aber nicht bezeichnet werden und droht notfalls mit Anwälten: der Unternehmer und Physiker Bernhard Strehl. In ganz Österreich hält Strehl seinen Vortrag „Klima verstehen“ – auch in der Wirtschaftskammer Kärnten. Was steckt dahinter?

„Er hat mich am Telefon niedergebrüllt, dass ich von seinen Anwälten hören werde und er mich auf Rufschädigung verklagt“, sagt Reinhard Steurer, Professor für Klimapolitik an der BOKU Wien. Steurer hatte zuvor auf Twitter kritisiert, dass die Wirtschaftskammer Kärnten den „Klimakrisen-Verleugner Strehl“ für einen Vortrag eingeladen hatte. Das sei ein Skandal für einen Sozialpartner

Einer möglichen Klage blickt Steurer jedoch entspannt entgegen. „Ein Urteil würde klarstellen, dass Strehl ein Klimakrisen-Verleugner ist.“ Denn ein Gutachten belegt bereits, dass Strehls Aussagen zum Klimawandel teilweise falsch sind. Es wurde von Expert:innen der BOKU Wien und des Grazer Wegener Centers wissenschaftlich überprüft und liegt MOMENT.at vor.

Bernhard Strehl wollte sich zu dieser Rechtssache nicht öffentlich äußern. Sämtliche von ihm genannte Namen dürfen wir nicht zitieren. Aber im 90-minütigen Gespräch mit ihm fallen einige bekannte Muster aus der Corona- und Klimakrisen-Verleugner-Szene auf. Diese haben wir uns genauer angeschaut und mit Klimaforschenden gesprochen, um Fake von Fakten zu trennen. Außerdem haben wir die Wirtschaftskammer Kärnten und andere Veranstalter gefragt: Warum wird ein Vortragender eingeladen, der nachweislich den menschengemachten Klimawandel verleugnet?

Wer ist Bernhard Strehl?

Bernhard Strehl ist Unternehmer in der Medizintechnik, lebt in Graz und hat in Atom- und Strahlenphysik promoviert. Eine Zeit lang arbeitete er am Kernforschungsinstitut CERN in der Schweiz. Seit 20 Jahren beschäftigt sich Strehl mit dem Klimawandel. Allerdings nicht wissenschaftlich, wie er selbst sagt. Die Coronakrise habe ihn schließlich aufgeweckt – auch dazu hielt er bereits einen Vortrag. Mit seinem 4-stündigen Vortrag „Klima verstehen“ möchte er nun zeigen, dass falsch ist, was die „normalen Leute“ im ORF und in vielen Printmedien erfahren.

Seine Botschaft: Zusätzliches CO2 habe nahezu keinen Effekt auf die Temperatur, da es zu einer Sättigung komme. In den nächsten Jahrzehnten könne es sogar zu einer „kleinen Eiszeit“ kommen, in der es um 0,5 bis 0,7 Grad kühler werde. Für Strehl gibt es keinen menschengemachten Klimawandel – obwohl 99 Prozent aller Klimastudien genau das zeigen.

Klimapolitik-Experte Reinhard Steurer sieht darin eine angenehme – aber falsche – Erzählung, die auch die FPÖ erfolgreich in Klima- und Coronafragen anwendet: “Am Anfang seiner Überlegungen steht die erwünschte Schlussfolgerung: ‘Es gibt kein Problem. Wir können weitermachen wie bisher.’“

Wie geht Bernhard Strehl vor?

Strehl zitiert in seinem Vortrag ausschließlich von Expert:innen überprüfte Studien. Diese sind bewusst so gewählt, dass sie seine Argumente untermauern. Mittlerweile habe er über 500 Klimastudien gelesen, es sei die 57. Version seines Vortrags. In Österreich könne er “jedem Klimawissenschaftler das Wasser reichen” – obwohl er dazu nicht wissenschaftlich gearbeitet habe. Das sei auch nicht nötig. Man könne sehr viel über Klima verstehen, ohne Klimawissenschaftler zu sein.

Mehr noch: 90 Prozent der Klimaforschenden seien gar ahnungslos, weil sie keine Physiker:innen so wie Strehl sind. Und wenn doch jemand Physiker:in ist, so betreibe diese Person gefällige Forschung. Denn es werde nur Klimaforschung finanziert, die die „richtigen“ Ergebnisse liefere. Zudem seien sämtliche Szenarien des Weltklimarats IPCC falsch, weil sie wesentliche Faktoren wie CO2-Sättigung und Bewölkung ignorieren.

Für Reinhard Steurer ist das eine erstaunliche Überheblichkeit. “Er stellt sich damit über Zehntausende Klimaforschende weltweit”, kritisiert er. Der Weltklimarat IPCC betreibe beispielsweise gar keine eigene Forschung. Stattdessen fassen hunderte unabhängige Expert:innen auf Tausenden Seiten Zehntausende Studien der vergangenen Jahre zusammen. Zudem unterzeichnen alle Länder der Welt eine kürzere Zusammenfassung, die Politiker:innen vorgelegt wird. In kaum einem anderen Bereich gibt es einen derart sorgfältigen Wissenschaftsprozess. Deshalb gelten die Berichte für viele als Goldstandard der Klimaforschung. Sie bilden eine Art „kleinster gemeinsamer Nenner“ aller Studien, wie Steurer sagt.

Was ist an Bernhard Strehls Argumenten dran?

Wir haben mit Douglas Maraun gesprochen, um die Argumente von Strehl zu überprüfen. Maraun ist Klimaphysiker am Grazer Wegener Center. Dort sind alle fünf Professuren von Physiker:innen besetzt – also selbst nach Strehls fragwürdigem Standard qualifizierte Klimaforschende. Zudem unterrichtet Maraun an der Universität Graz zu Klimadynamik und Wolkenphysik – eines jener Felder, das laut Strehl falsch verstanden wird. Und er ist Leitautor des aktuellen Weltklimaberichts des IPCC – ein weiterer Kritikpunkt von Strehl.

Dass die IPCC-Berichte CO2-Sättigung und Bewölkungseffekte ignorieren, sei Blödsinn, sagt Maraun. Er verweist auf ein Zitat des Chemie-Nobelpreisträgers Paul Crutzen. Dieses werde von Klimaskeptikern absichtlich falsch übersetzt und verkürzt. „Natürlich berücksichtigen die IPCC-Berichte alle Treibhausgase in ihren verschiedensten Spektren“, sagt Maraun.

Es sei außerdem quasi unmöglich, dass in den nächsten Jahrzehnten eine “kleine Eiszeit” kommt, in der es bis zu 0,7 Grad kühler wird als heute. Denn Wolken reagieren auf das Klimasystem, sie treiben es aber nicht an. Eine Veränderung der Bewölkung – also weniger hohe Wolken (wirken wärmend) und mehr niedrige Wolken (wirken kühlend) – könnte die Erderwärmung abschwächen, nicht aber umkehren. „Natürlich kann es sein, dass es ein paar kühlere Jahre geben wird als heute. Das liegt an natürlichen Schwankungen im Klimasystem. Aber dass es in 30 Jahren um 0,7 Grad kälter wird als heute, halte ich für sehr unwahrscheinlich“, sagt Maraun.

Das deckt sich mit dem oben erwähnten Gutachten: Eine niedrigere Sonnenaktivität würde zu einer Abkühlung von maximal 0,3 Grad führen. Das könnte die menschengemachte Erderwärmung abschwächen, nicht aber umkehren.

Was möchte ein Klimakrisen-Verleugner wie Bernhard Strehl erreichen?

Wir haben uns natürlich gefragt, was Bernhard Strehl mit seinem Vortrag bezwecken möchte. Dafür haben wir mit Veranstalter:innen und Teilnehmenden seiner Vorträge gesprochen. Die „normalen Leute“ informieren, sagt Strehl selbst. Es dürften bei ihm weder parteipolitische noch finanzielle Interessen sein. Eher wirkt er bei seinen Auftritten wie eine Art Messias, der den „normalen Leuten“ sagt: ‚Ich habe es verstanden, hört auf mich. Alle anderen lügen, um am Klimawandel Geld zu verdienen.‘ Diese Erzählung ist angenehm, weil sie ein Weiter-so erlaubt. Aber sie ist falsch: Machen wir weiter wie bisher, steuern wir auf bis zu 3 Grad Erderhitzung zu.

 

Die Grafik zeigt, welche Temperatursteigerungen du in deinem Leben noch erwarten kannst

Diese Temperaturanstiege könntest du noch miterleben.

Strehl wird von vielen als sympathisch, charismatisch und rhetorisch exzellent beschrieben. Er nutze seine Intelligenz, um Fakten gekonnt zu verdrehen, sodass sie wieder sinnvoll klingen, wie Klimapolitik-Experte Reinhard Steurer sagt. Strehls Vortrag enthält beispielsweise viele komplizierte physikalische Phänomene, Grafiken und Zeitreihen. Diese sind an sich richtig, aber selektiv gewählt, um seine Thesen zu untermauern. Ebenso die zitierten Studien. „Rosinenpickerei“ wird diese Taktik der Wissenschaftsverleugnung genannt.

„Eine Person wie Bernhard Strehl tritt überall auf und man kann gar nicht alles wieder in Ordnung bringen, was dieser kaputt macht“, sagt Douglas Maraun. Dahinter vermutet er eine weitere Taktik: Zeit und Ressourcen von Wissenschaftler:innen abziehen, damit diese nicht ihrer eigentlichen Tätigkeit nachgehen können. Denn Strehl scheut keineswegs die Diskussion, wie er in einem zweiten Gespräch mit MOMENT.at betont. Er lädt jeden ein, sich seine Vorträge anzuhören.

FPÖ, MFG, Wirtschaftskammer – wer lädt Bernhard Strehl ein?

Bernhard Strehl war 2023 ein beliebter Gast, insbesondere auf Einladung von rechtspopulistischen Parteien: FPÖ-Gemeinderatsmitglied Mario Kleinlercher hat ihn nach Lienz eingeladen, wie die Kleine Zeitung berichtete. Die freie Gemeinderätin Vera Schachner (ehemals MFG) in das Linzer Rathaus. Zuletzt hat ihn Ende November eine Splittergruppe der MFG nach Pinkafeld eingeladen. Zudem ist Strehl bei Verschwörungssendern wie AUF1 und RTV aufgetreten.

Strehl dockt allerdings auch bei anderen Institutionen an und erwähnt im Gespräch Bekanntschaften bis in den Nationalrat. Er sei auch gut mit einigen Anwält:innen und einem Nobelpreisträger befreundet, sagt er mehrmals. In Deutschland hielt er kürzlich einen Vortrag vor einer “kleinen Finanzgruppe von sehr reichen Leuten”. Namen dürfen wir hierzu keine nennen. Außerdem wurde er von einigen Kultur- und Landwirtschaftsvereinen eingeladen, von einem Pfarrer aus der Oststeiermark, vom marktliberalen Institut für angewandte politische Ökonomie und von der Wirtschaftskammer Kärnten. All diese Vorträge waren meist gut besucht. Das Haus der Kultur in Anif distanziert sich mittlerweile von Strehls Vortrag. „Leider war uns zuvor nicht bekannt, dass die Thesen von Herrn Strehl umstritten sind“, heißt es auf Anfrage.

Warum tritt ein Klimakrisen-Verleugner in der Wirtschaftskammer auf?

Das wollten wir gerne von der Wirtschaftskammer Kärnten erfahren. Bis Redaktionsschluss haben wir darauf aber keine Antwort bekommen. Bernhard Strehl hielt am 16. November in der Wirtschaftskammer Kärnten seinen Klimavortrag. Ursprünglich wurde die Veranstaltung als Branchentreff der Medizinprodukte-, Arzneimittelgroßhändler und Drogisten angekündigt, berichtet “Grüne Wirtschaft”, eine Vorfeldorganisation der Grünen. Strehl wurde darin als „renommierter Physiker“ bezeichnet – obwohl er also solcher nichts publiziert hat.

Kurz vor dem Termin wurde die Veranstaltung allerdings wieder von der offiziellen Website der Wirtschaftskammer entfernt. “Grüne Wirtschaft” kritisiert die fehlende Transparenz diesbezüglich und vermutet dahinter einen kammerinternen Interessenausgleich.

Wie geht es für Bernhard Strehl weiter? Für das Jahr 2024 seien bisher keine Vorträge geplant. Aber es werde bestimmt etwas kommen, sagt Strehl.

In unserer Reihe “Die Klima-Verkleber” entkräftet Lukas Bayer die beliebtesten Ausreden, mit denen Klimaschutz verzögert wird. Folgende Artikel sind darin unter anderem erschienen:

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