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Arbeitswelt
Klimakrise

Unfair produzierte Kleidung: "Dann kauf ich das nicht"

Unfair produzierte Kleidung: "Dann kauf ich das nicht"
In der Corona-Krise stornierten westliche Modefirmen Aufträge, bezahlten fällige Rechnungen nicht. Für die NäherInnen in Herstellerländern wie Bangladesch hieß das: Keine Arbeit, kein Einkommen, nichts. Dabei quetschen die Bekleidungsunternehmen ihre ProduzentInnen auch vorher schon bis zum Äußersten aus, damit wir unsere Jeans besonders billig bekommen. Warum? Weil es geht, sagt Elke Schüßler, Wirtschaftsprofessorin an der Uni Linz. "Den Großteil der KonsumentInnen interessiert das schlicht wenig und die Politik sagt: bloß keine Gesetze." Wie kann man das ändern?

MOMENT: Während der Corona-Krise wurden TextilarbeiterInnen in Bangladesch trotz Ausgangssperre gedrängt, wieder in die Fabriken zu gehen – auf Druck der internationalen AuftraggeberInnen. Geschähe das bei uns, gäbe es einen Aufschrei. Den gibt es aber nicht, obwohl die Waren doch für uns sind. Warum?

Elke Schüßler: Im Westen interessiert das den Großteil der KonsumentInnen schlicht wenig. Die Bekleidungsfabriken sind so weit weg. Anders ist es bei Lebensmitteln, wo es gefühlt doch eher in Richtung Bio geht. Aber selbst hier muss man sagen: Im Massenmarkt interessiert es die Leute dann doch wieder nicht, wie die Schweine – und auch die Menschen in den Fleischfabriken – behandelt werden oder wo die Fische herkommen. Die meisten Menschen scheren sich nicht um das, was nicht direkt vor ihrer Haustür sichtbar ist und sie somit auch nicht berührt. Viele KonsumentInnen auch hierzulande leben an der Armutsgrenze und möchten sich einfach „etwas leisten“ können, sei es ein neues T-Shirt oder ein Stück Fleisch.

MOMENT: Können die ArbeiterInnen vor Ort sich dagegen wehren?

Schüßler: Natürlich sind sie unzufrieden damit, wie sie behandelt werden. Es gibt manchmal Proteste, aber die ArbeiterInnen gehen nicht oft auf die Straße. Auch aus einer Angst heraus, was passieren könnte, wenn sie aufmucken. Dann verlieren sie vielleicht ihre Arbeit und haben erst recht nichts zu essen, es gibt ja keine soziale Absicherung. Dann gehen sie trotz Coronavirus lieber wieder in die Fabrik. Da ist nicht nur bei Bekleidungsfirmen in Bangladesch so, sondern hier im Westen bei Amazon, Lieferdiensten, den ErntehelferInnen und anderen. Also: Das gibt es hier auch.

MOMENT: Die internationalen Modeunternehmen haben in der Corona-Krise Bestellungen storniert und fällige Zahlungen verweigert. Warum fällt es denen so leicht, gültige Verträge zu brechen?

Schüßler: Das ist leider üblich in der Branche. Die AuftraggeberInnen wissen, dass die Fabriken von ihnen abhängig sind. Sie geben die Verantwortung maximal ab. Das ist das System, was hinter solchen Lieferketten mit Subunternehmen steckt. Wo sind da die Grenzen der Verantwortung, rechtlich und auch ethisch? Da gibt es viele Grauzonen, die von den Firmen ausgenutzt werden.

MOMENT: Eine US-Universität hat bei Bekleidungsfirmen nachgefragt: Von denen hätten 98 Prozent gesagt, dass sie sich nicht finanziell an der Absicherung der ArbeiterInnen beteiligen wollen. Ist das unmoralisch oder schlicht wirtschaftslogisch?

Schüßler: Rein rechtlich gesprochen ist das wirtschaftslogisch. Sie sagen: Die AuftragnehmerInnen vor Ort sind verantwortlich dafür, ihre MitarbeiterInnen abzusichern. Wieso soll das ein anderes Unternehmen machen, bei dem die ArbeiterInnen gar nicht angestellt sind? Gleichzeitig wissen alle in der Branche: Die Gewinnspannen sind so niedrig, dass es für die Lieferanten gar nicht möglich ist, groß zu investieren oder soziale Absicherungssysteme aufzubauen. Auch die Handelsketten haben nur niedrige Margen. Die sagen jetzt in der Corona-Krise: Wir können uns die teuren Ladenmieten in den Haupteinkaufsstraßen nicht mehr leisten. Und schon gar nicht die Bestellungen bezahlen, die wir nun nicht verkaufen können.

Die Handelsketten zeigen auf die Kunden: Die wollen ja das Shirt um 13,99 und deshalb müssen wir das so billig machen.

MOMENT: Zara-Chef Amancio Ortega gilt als zweitreichster Mann Europas. Es scheint nicht so, dass die Margen in der Branche zu gering seien.

Schüßler: Ortega ist ein Ausnahmefall. Das Unternehmen hat eine lange Tradition und sein Vermögen über Jahrzehnte aufgebaut. Wenn man einmal ein großes Vermögen hat, kann man es auch sehr gut vermehren, ohne dass es viel mit dem Tagesgeschäft zu tun hat.

Das ist schon immer eine Arme-Leute-Branche, viele Bekleidungshändler kratzen an der Insolvenz. Es gibt einzelne Unternehmen wie H&M oder Inditex mit Zara die Gewinnspannen von 10 bis 12 Prozent haben. Der Großteil krebst aber bei 5 Prozent oder weniger herum. Das soll das alles nicht entschuldigen. Es zeigt aber auf, dass mit der Modebranche insgesamt etwas falsch läuft.

MOMENT: Die ArbeiterInnen anständig zu bezahlen würde die Kleidung nur geringfügig teurer machen. Warum passiert das nicht?

Schüßler: Die Handelsketten zeigen auf die Kunden: Die wollen ja das Shirt um 13,99 und deshalb müssen wir das so billig machen. Wenn ich das Shirt um 40 Euro anbiete, dann kauft es niemand. Man kann den Kunden aber auch nicht den schwarzen Peter zuschieben. Die haben es ja auch nicht erfunden, dass das Shirt so billig sein muss.

Schnell kommt man dahin zu fragen: Wer hat denn dieses Geschäftsmodell geschaffen? Wer hat diese Marktlogik geschaffen? An welchen Stellschrauben können wir drehen, um diesen Preiswettbewerb nach unten zu ändern? Solange die Politik sich aber komplett raushält und alles den Unternehmen überlässt, kommen wir da nicht raus.

MOMENT: Warum ist es in der Bekleidungsindustrie so schwer gute Standards einzuführen?

Schüßler: Es hat viel mit der Macht zu tun, die ArbeiterInnen haben oder eben nicht haben. ArbeiterInnen haben Macht, wenn sie strukturell wichtig sind, wenn sie eine Fähigkeit haben die schwer zu ersetzen ist. Sie können eine Gegenmacht zu den Unternehmen aufbauen, wenn sie sich kollektiv gut organisieren.

Wenn es dazu noch Instrumente gibt, die das unterstützen, hilft ihnen das: beispielsweise Gesetze, die ihnen erlauben, Gewerkschaften zu gründen. All das ist in der Bekleidungsindustrie traditionell schlecht. Es ist eine low skill-Branche. Investitionen braucht es kaum und Arbeitskräfte gibt es beinahe unerschöpflich viele. Jeder kann nähen.

Die Frauen müssen nach 12 Stunden Arbeit noch den Haushalt schmeißen. Sie haben gar nicht die Zeit, für ihre Rechte zu kämpfen.

MOMENT: Liegt das auch daran, dass vor allem Frauen hier arbeiten?

Schüßler: Die Gender-Dimension spielt natürlich hinein: Die Frauen müssen nach 12 Stunden Arbeit auch noch den Haushalt schmeißen. Sie haben oft gar nicht die Zeit, für ihre Rechte zu kämpfen und sich zu organisieren.

Dazu kommt: Die Frauen sehen das eher als Phase in ihrem Leben. Es ist nicht ihr Lebensziel, Fabrikarbeiterin zu sein es ist auch nicht Teil ihrer Identität. Das trägt auch dazu bei, dass nicht stärker eingefordert wird, Arbeitsrechte einzuhalten.

MOMENT: Warum gehen trotzdem so viele in diese Branche?

Schüßler: Für Menschen In Bangladesch ist es wie eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Ohne diese Arbeit wären sie noch schlechter dran. Die Bekleidungsindustrie hat die Situation für die ArbeiterInnen über die Jahre zumindest verbessert. Die Kindersterblichkeit ist gesunken, die Gesundheit ist besser. Gerade für junge Frauen sind Jobs als Näherinnen auch Wege in die Unabhängigkeit und heraus aus patriarchalen Familienregimen.

MOMENT: Aufmerksamkeit erregte die Katastrophe von Rana Plaza 2013, bei der 1.150 ArbeiterInnen starben. Daraufhin gab es internationale Proteste. Sie forschen dazu: Hat sich seitdem etwas verändert an den Produktionsbedingungen?

Schüßler: Erst durch die massive Aufmerksamkeit, die das Unglück hervorrief, haben auch die Unternehmen gemerkt: Wir müssen was machen. Die Arbeitsstätten wurden sicherer. Aber auch dafür haben die westlichen Firmen nicht bezahlt. Die LieferantInnen haben nicht mehr Erlöse erhalten oder irgendwas dafür bekommen.

Inzwischen ist der öffentliche Druck wieder weg. Wenn der fehlt, passiert wenig. Es ist ein Problem des kollektiven Handelns. Alle haben dort produzieren lassen. Alle in der Branche haben gewusst, dass die Bausubstanz des Gebäudes beschädigt dort. Es war eine „Katastrophe, die irgendwann passieren musste“. Aber es kommt nicht eine Firma her und sagt, ich saniere jetzt mal 10 Fabriken.

Denn die nutzen die anderen Wettbewerber ja auch, die nichts dafür zahlen und damit wieder einen Preisvorteil erzielen können. Es gab aber einzelne Unternehmen, die schon vor Rana Plaza eine kollektive Sanierungsunterstützung eingefordert haben. Die blieben aber alleine.

Wenn es hart auf hart kommt, sagen Länder wie Deutschland: Bloß keine Gesetze, die die Wirtschaft einschränken könnten.

MOMENT: Müssen die KonsumentInnen mehr Druck machen oder kann nur die Politik das regeln?

Schüßler: Bei den KonsumentInnen gibt es immer ein paar, die es ernst meinen. Es gibt Influencer, die ethische Mode kaufen und propagieren. Aber das ist eine Nische. Deshalb muss von der Politik etwas kommen. Doch wenn es hart auf hart kommt, setzen Länder wie Deutschland – auf nationaler wie auf EU-Ebene – dann doch wieder auf Freiwilligkeit: Bloß keine Gesetze, die die Wirtschaft einschränken könnten.

MOMENT: Wäre etwas gewonnen, wenn wir plötzlich alle keine Kleidung mehr kaufen, die unter schlechten Bedingungen hergestellt worden sind?

Schüßler: Das geht schonmal gar nicht, weil wir gar nicht genau wissen, wie die Kleidung produziert wird. Selbst wenn „Made in Bangladesh“ am Etikett steht, weiß man nicht, ob das in einer guten oder in einer schlechten Fabrik genäht wurde. Wie soll man’s denn wissen? Da braucht es volle Transparenz. Erst dann kann man den KonsumentInnen den Schwarzen Peter zuschieben.

MOMENT: Aber welche Mittel haben wir dann, auf bessere Arbeitsbedingungen einzuwirken?

Schüßler: Man kann in den Läden immer wieder nachfragen, wo die Kleidung herkommt. Und wenn keine klare Antwort kommt sagen: Nein, dann kauf ich das nicht. Fridays for Future sind die ganze Zeit auf der Straße und man merkt, dass die Politik aufmerksam wird.

Das braucht es auch in Bezug auf Menschenrechte. Je lauter die Menschen sind und je eher die Politik merkt, was sie bewegt, desto eher gibt es politische Unterstützung. Bei der Wahl die Partei ankreuzen, die etwas ändern kann, darauf kann man hoffen. Aber welche Partei steht – auch im Wirtschaftsressort – dafür ein, dass es ArbeiterInnen in Bangladesch besser geht? Schwierig!

Wir müssen uns fragen: Brauche ich dauernd neue Sachen?

MOMENT: Unsere konsumorientierte Art zu wirtschaften ist durch die Corona-Krise aber vor allem durch die Klimakrise immer mehr in Frage gestellt. So weitermachen wird nicht funktionieren. Was heißt das für die Bekleidungsindustrie?

Schüßler: Wir müssen radikal umdenken, die ökologischen Probleme angehen und tendenziell alle weniger konsumieren. Wir müssen uns fragen: Brauche ich dauernd neue Sachen? Aber es ist ein Spannungsfeld: Denn das wäre nichts, was die ArbeiterInnen wollen. Sie brauchen ihren Job.

Aber ökologisch wäre es das sinnvollste. Wie sich das dann in den Ländern volkswirtschaftlich niederschlägt, die besonders davon abhängig sind, ist eine schwierige Frage. Allen gerecht zu werden, ist ganz schwer – in der Bekleidungsindustrie wie in anderen Branchen auch.

Zur Person: Elke Schüßler ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre und Vorständin des Instituts für Organisation an der Johannes Kepler Universität Linz. Sie forscht zu gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Klimakrise, menschenwürdiger Arbeit und Digitalisierung. Von 2016-2019 leitete sie das internationale „Garment Supply Chain Governance Project“. Dabei untersuchten WissenschaftlerInnen ob und wie die Katastrophe von Rana Plaza 2013 in Bangladesch mit mehr als 1.000 getöteten ArbeiterInnen beteiligte Unternehmen und Institutionen dazu brachte, die Produktionsbedingungen in der Bekleidungsindustrie zu verbessern.

 

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