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Arbeitswelt

Das weltweit größte Experiment zur 4-Tage-Woche läuft gut, wird größer und kommt zu uns

Das weltweit größte Experiment zur 4-Tage-Woche läuft gut, wird größer und kommt zu uns
Es ist das größte Experiment seiner Art: Seit drei Monaten testen 70 verschiedene Unternehmen in Großbritannien die 4-Tage-Woche mit einer Arbeitszeitverkürzung. Die Zwischenberichte sind positiv. Und schon bald gibt es anderswo noch größere Versuche.

Der Fortschritt zur Arbeitszeitverkürzung bei einer 4-Tage-Woche nimmt Tempo auf. 3.300 Menschen müssen in über 70 britischen Unternehmen seit Juni bei 100% ihres Gehalts nur 80% der üblichen Zeit arbeiten. Begleitet wird es von Forscher:innen, die die Auswirkungen auf die Gesundheit, Umwelt, Produktivität und Geschlechtergerechtigkeit untersuchen. Im Dezember wird Bilanz gezogen und entschieden, ob die Arbeitszeitverkürzung beibehalten wird.

Das Versprechen der Angestellten in dem Experiment ist, die verringerte Arbeitszeit wird nicht merkbar weniger Produktivität bedeuten. Sie sagen: wir schaffen gleich viel schaffen in weniger Zeit. Für viele ist immer noch überraschend, dass frühere Experimente im kleineren Rahmen ergeben haben, dass das möglich ist. In einigen Studien wurde sogar mehr geschafft, als vorher.

Warum weniger arbeiten keine schlechteren Ergebnisse bedeutet

Am zweiten Blick ist es durchaus logisch, dass das zumindest bis zu einem gewissen Grad geht: Besser ausgeruhte und weniger gestresste Mitarbeiter:innen machen weniger Fehler, sind weniger krank und schaffen viel ihrer Arbeit in weniger Zeit.

Dass die Zeit besser eingeteilt ist, muss nicht heißen, dass diese Arbeit dann mehr auslaugt. Eine Umfrage mit 10.600 Menschen aus aller Welt hat erst vor wenigen Monaten ergeben: Nur zu einem Drittel des Tages tun die Menschen das, wofür sie eigentlich gebraucht werden. 58% der Arbeitszeit verbringen Menschen im Schnitt damit, ihre Arbeit zu managen. Das ist enorm unbefriedigende und frustrierende, nicht-sinnstiftende Arbeit.

Der Anteil kann von Beruf zu Beruf schwanken und nicht alles von dieser Arbeit ist unnötig oder vermeidbar. Aber das ist ein großer Brocken Zeit im Beruf, der sich teilweise durchaus ganz vermeiden oder zumindest besser einteilen lassen könnte.

Betriebe stellen sich auf Änderung schnell ein

CNN und Forbes haben jeweils mit Teilnehmer:innen des britischen Experiments gesprochen, um nach mehreren Monaten ein Zwischenfazit zu ziehen. Und die Rückmeldungen waren positiv. In den ersten ein oder zwei Wochen sei der Ablauf in manchen Betrieben chaotisch gewesen, berichten die Leute den beiden Medien. Aber das habe sich eingependelt. 

Eine Teamleiterin sagt CNN, die Chance, dass ihr Betrieb nach dem Experiment zu einer 5-Tage-Woche zurückkehre, bestehe schon. Sie liege allerdings nur bei 25%. Die kürzere Arbeitszeit animiert in den Betrieben dazu, Arbeitsabläufe zu optimieren. Sinnlose Aufgaben und Meetings werden abgebaut, weniger Zeit im Unternehmen „abgesessen“, wenn nach 7 Stunden harter Arbeit die Luft sowieso schon raus ist. Sie fühle sich bei der Arbeit kreativer, berichtet eine teilnehmende Texterin dem Guardian über ihre ersten Eindrücke nach einigen Wochen.

Familie, Freund:innen, Hobbys

Und natürlich hat das Experiment Auswirkungen auf die „Freizeit“. Die Angestellten berichten von mehr Zeit, die sie mit (teils neuen) Hobbys, mit Freund:innen oder der Familie verbracht werden kann.

Dabei geht es gar nicht nur um schöne Momente im Leben, sondern auch die Betreuung von Kindern oder älteren Angehörigen. Das ist auch wertvolle Arbeit, aber sie wird eben nicht entlohnt. Meist machen sie Frauen und unter den heutigen Arbeitszeitregeln hält diese Arbeit gerade in Österreich viele Menschen von bezahlter Vollzeitarbeit ab. Das wiederum sorgt für niedrigere Einkommen, weniger Sozialhilfeansprüche in Notzeiten und weniger Geld in der Pension.

Eine Angestellte, die am Experiment in Großbritannien teilnimmt, erzählt hingegen, sie müsse nun nicht mehr samstags um 6 Uhr früh einkaufen gehen und Erledigungen machen. Das ginge nun am Freitag. Samstag könne sie nun noch die Eltern besuchen zu können und Zeit mit dem eigenen Sohn verbringen: „Ich kann jetzt öfter sagen, ‚Ja das schaffen wir‘.“ 

4-Tage-Woche ist gut für Psyche und Gesundheit

Die psychische Belastung sei niedriger, erzählen andere. Eine Frau sagte Forbes, ihre Ess- und Schlafstörungen seien besser geworden. Sie studiere jetzt wieder nebenbei.

Die Panikattacken, die sie schon ein Leben lang begleiten, seien besser geworden, sagte eine andere Frau zu CNN .Und auch hier profitiert die Arbeit davon. „Mehr Ruhezeit und weniger Sonntagspanik hat meine mentale Gesundheit verbessert. Ich gehe die Woche nun viel positiver an und komme nicht mehr schon gestresst in die Arbeit.“

„Wir alle wollen, dass es nach dem Experiment weiter geht“, erzählt ein Pflegeheim-Mitarbeiter dem Guardian. „Ich weiß nicht, warum das nicht schon vor Jahren gemacht wurde.“

Wir haben uns die Arbeitszeitverkürzung längst verdient

Dass wir in einer immer stressigeren und auch immer mehr fordernden Arbeitswelt eine verkürzte Arbeitszeit zum Ausgleich brauchen, scheint naheliegend. Außerdem haben wir sie uns längst verdient – eine Arbeitszeitverkürzung auf eine 4-Tage-Woche ist überfällig. Technologische Fortschritte und spezialisiertere, besser ausgebildete Arbeitskräfte machen uns immer produktiver. Während diese Verbesserungen die gesetzliche Arbeitszeit über den Großteil des 20. Jahrhunderts immer weiter verringerten, hat das in den vergangen 40 Jahren einfach aufgehört.

Die Produktivität steigt weiter. Nur: statt weniger wöchentliche Arbeitszeit, höhere Löhne und mehr Urlaub für die Arbeitnehmer:innen daraus zu gewinnen, sorgt dieses Wachstum für mehr Unternehmensgewinne und Kapitaleinkommen. In Österreich hat die Türkis-Blaue Regierung ab 2017 sogar den Schritt zurück gemacht und wieder den Rahmen geschaffen, um täglich und wöchentlich länger zu arbeiten zu können. Mehr „Flexibilität“ im Sinne der Unternehmen.

Wer unter diesen immer schwierigeren Umständen einfach nicht anders kann – weil der Job zu hart ist oder es andere Verpflichtungen unmöglich machen – oder wer es sich leisten kann, flüchtet in andere Beschäftigungsverhältnisse, vor allem die Teilzeit. Das heißt aber nicht nur einen persönlichen Verzicht auf Einkommen mit all seinen Folgen. Es bedeutet in der Folge auch: weniger Einkommenssteuern und Beiträge in die Sozialversicherungen für den Staat. 

 
Grafik: Teilzeitstellen stiegen seit 1994 stark, Vollzeitstellen wurden weniger

In den jüngeren Jahren hat diese neoliberale Entwicklung nun aber zunehmend Widerstand erfahren. Die Belastungen für Arbeitnehmer:innen und Familien in der Corona-Pandemie haben diesen neuen Trend vielleicht noch einmal verstärkt. Arbeitszeitverkürzungen werden wieder zu einer politischen Forderung der Vielen.

Experiment wird weltweit ausgebaut – auch in Europa

Das Experiment in Großbritannien bleibt übrigens nicht mehr lange das größte seiner Art. Die dahinterstehende Organisation „4 Day Week“ kündigte kürzlich an: 60 Unternehmen in Nordamerika versuchen es demnächst auch. Mit 4.000 Beschäftigten.

Auf der Webseite der Organisation werden außerdem weitere Experimente angekündigt: Australien und Neuseeland sind im August gestartet. Und ab September sucht die Organisation Unternehmen in einer für uns relevanteren Region, die das Experiment wagen wollen: am europäischen Kontinent. Es startet Ende Jänner. Wer weiß: vielleicht lässt sich ja auch dein Unternehmen dafür interessieren?

Unsere Berichte zu Unternehmen, die in Österreich bereits mit 4-Tage-Woche arbeiten:

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